Text: Rike Uhlenkamp / Fotos: Rainer Kwiotek
Dort über uns fliegt noch einer“, rufe ich Harald Jörges zu. Der Pilot sitzt hinter mir. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, starre ich in den Himmel. Drei Bussarde kreisen über uns, schrauben sich Runde für Runde in die Höhe – immer weiter Richtung Wolkendecke. „Wahnsinn“, platzt es aus mir heraus. Vergessen ist das mulmige Gefühl, mit dem ich vor wenigen Minuten in das Segelflugzeug gestiegen bin, vergessen die Furcht, sich ohne Motor, nur von der Energie der Sonne getragen, in die Luft zu begeben. Die Natur lässt uns nicht im Stich – nicht den Piloten Jörges und mich, nicht die Greifvögel.
„Die wissen, wo die beste Thermik ist.“ Es sei ein idealer Nachmittag zum Fliegen, versicherte Jörges mir unten auf dem Flugplatz der Wasserkuppe, dem höchsten Berg Hessens, etwa 30 Kilometer östlich von Fulda. Die noch starke Herbstsonne trifft auf den abgekühlten Boden. „Die Luft heizt sich auf und die warmen Moleküle steigen nach oben – und wir mit ihnen“, erklärt Jörges. Er steuert das Segelflugzeug unter eine der weißen Schäfchenwolken, die den blauen Himmel übersäen und ein deutliches Zeichen für die Aufwinde sind. „Gleich zieht sie uns hoch!”
Freiheit über den Wolken
Während wir immer höher steigen, schaue ich rechts und links nach unten. Aus der Luft hat man den besten Blick auf die Rhön. Auf etwa 1500 Quadratkilometern erstreckt sich das Mittelgebirge über die entlegenen Zipfel dreier Bundesländer: den äußersten Westen Thüringens, den Norden Bayerns und den Osten Hessens. Vor der Wende fiel die Rhön im Westen in das Zonenrandgebiet, lag im Osten in der Sperrzone. Diese Randlage ermöglichte es der Natur, sich an vielen Stellen ungestört auszubreiten. Doch das Mittelgebirge, das mit dem Ende der DDR plötzlich in das Zentrum Deutschlands rutschte und seit 1991 von der Unesco zum Biosphärenreservat ernannt wurde, blieb trotzdem lange eher unbeachtet.

Seit über 30 Jahren fliegt der 63-jährige Harald Jörges hauptberuflich Motor- und Segelflugzeuge, vor 18 Jahren übernahm er die Leitung der Segelflug‧schule. 1924 wurde sie gegründet und ist damit die weltweit älteste. Denn hier im Herzen der Rhön wurde das Segelfliegen geboren. Das Hochplateau und die sanften Hänge der 950 Meter hohen Wasserkuppe wurden wie viele Gebiete der Rhön im Mittelalter gerodet und als Weidefläche genutzt. Freie Felder und Sicht für Menschen, die sich Berghänge hinunterstürzen: Schon Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Wasserkuppe als Mekka für Gleitsegler. Als die Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland den Motorflug verboten, zog es Flugzeugkonstrukteure, ehemalige Kriegspiloten und Flugbegeisterte erneut auf den Berg. Sie schraubten an den Flugzeugen, bauten die Motoren aus, experimentierten mit Materialien, übten Starts und studierten die Thermik. „Das Fliegen ohne Motor hatte niemand verboten.“ Heute starten die Segelflieger von der Wasserkuppe etwa 15 000 Mal im Jahr. „Dort rechts ist die ehemalige Grenze.“ Jörges erinnert sich an die Zeit: „Es war ein beklemmendes Gefühl. Die Ortschaft da vorne war schon in der DDR.“ Die Grenze unten am Boden war hermetisch gesichert, doch in der Luft mussten sich die Piloten auskennen, um nicht versehentlich über den Eisernen Vorhang zu fliegen. Umso lieber denkt Jörges an die Zeit nach der Wende: An einem Sonntag im November boten er und seine Kollegen kostenlose Rundflüge „für die Neubürger“ an. „Es war ein regelrechter Boom. Sie wollten fliegen, endlich Freiheit erleben.“






