Garrett war der Kopf. Seine Stimme rief der Welt Australiens dunkle Geschichte ins Gedächtnis, in der die Ureinwohner einst gejagt wurden wie wilde Tiere, an die Gegenwart, in der Ureinwohner um ihre Rechte und gegen Rassismus kämpfen müssen, in der die Regierung sich selbst zum Adlatus des US-Militarismus gemacht hat , in der multinationale Minengesellschaften immer mehr Gewalt über die Gesellschaft gewonnen haben, und an den massiven Uranvorrat – den Australien doch in der Erde lassen sollte.
Eine Generation später ist Peter Garrett noch immer da – und wie ein faustischer Geist verfolgen ihn 2012 die Überzeugungen der frühen Jahre. Die Ideale der Rock-Ära liegen hinter ihm, er ist aufgebrochen zu den neuen Ufern einer politischen Karriere. Seine Kritiker schimpfen ihnen einen Wendehals, werfen ihm vor, seine Überzeugungen verraten zu haben. Der pensionierte Rock-Aktivist ist eine permanente Zielscheibe der Wut. Die Journalisten richten das Mikrophon auf ihn den Mikrophongewohnten und wollen wissen, wie es sich verhält mit der Kluft zwischen seinen radikalen Forderungen, die er, eingebettet in Musik, früher in die Welt hinaus schleuderte – und der zentralistischen Politik der Australischen Labour Party, die er bis vor kurzem als Umweltminister zu vertreten hatte.
Eines scheint klar: Der mächtige Sänger von damals liebt die Macht von heute.
Doch halten wir inne und betrachten wir noch einmal die Anfänge: „Midnight Oil“ war weit mehr als eine Rock-Band. Die einschneidenden Gitarren-Riffs und emotionalen Bühnen-Shows trafen den Nerv der australischen Jugend und ließen ein neues politisches Bewusstsein keimen; vor allem schwenkte die Polit-Band das Banner für die Landrechte der Aborigines höher als je jemand zuvor. Und das Konzertpublikum nahm die Botschaft jubelnd auf – in New York, in Paris, in Berlin.
Das US-Magazin TIME bezeichnete Garrett im April 1990 als „lebende Ikone der Wut“; und wie zur Bestätigung ging Midnight Oil in Manhattan auf die Straße: Vor der Zentrale des Ölmultis Exxon in der Sixth Avenue bauten die Musiker, ohne von den städtischen Behörden die nötige Erlaubnis eingeholt zu haben, in der Mittagspause ihre Verstärker auf und legten los; hinter sich hatten sie einen provokanten Banner drapiert: „Midnight Oil makes You Dance, Exxon Oil makes Us Sick“ (Midnight Oil bringt euch zum Tanzen, Exxon Oil macht euch krank!) Das war damals, nach dem Unfall des Öltankers Exxon-Valdez vor der Küste von Alaska.
Tausende verbrachten ihren Lunch-Break an diesem Frühlingstag vor der improvisierten Straßenbühne und wunderten sich über den Kahlköpfigen im weißen T-Shirt, auf dem SOS stand, und der die Arme wütend schwang und dabei das Lied vom Fluss sang, dessen Wasser rot fließen. „A River Runs Red“ wurde zu einer Hymne der Ökologie-Bewegung in den neunziger Jahren.





