Hathumod von Gandersheim und Clara von Assisi gehörten von Geburt dem Adel und damit der mittelalterlichen Oberschicht an. Hathumod war die älteste Tochter des sächsischen Grafen Liudolf und seiner Gemahlin Oda, deren jüngere Tochter Liutgard in die karolingische Herrscherfamilie einheiratete. Clara war die älteste Tochter des Ritters Favarone di Offreduccio und der ebenfalls aus vornehmer Familie stammenden Hortolana.
Beide vermochten die eigenen Schwestern und Verwandten zum Klostereintritt zu bewegen. Dabei war es weniger die Wahl des geistlichen Standes, die für adlige Frauen durchaus üblich war, als vielmehr die kompromißlose Abkehr von allen Annehmlichkeiten der Welt, die ihre Zeitgenossen in den Bann zog. Durch ihr ständeübergreifendes christliches Ideal der persönlichen Armut und Demut gegenüber Hoch und Niedrig entfalteten beide eine große integrierende Wirkung innerhalb der hierarchisch aufgebauten mittelalterlichen Gesellschaft.
Während die Verehrung der sächsischen Adelstochter Hathumod jedoch im wesentlichen auf die eigene Klostertradition beschränkt blieb, fiel das asketische Leben der mit dem heiligen Franziskus vertrauten Clara in die große Zeit der religiösen Bewegung und fand daher weit über den eigenen Wirkungskreis hinaus Beachtung. Bereits zwei Jahre nach ihrem Tod wurde Clara von Assisi heiliggesprochen. Ihren Tod betrauerte die eigene Gemeinschaft ebenso tief wie den der sächsischen Adelstochter Hathumod – als großer Einschnitt markierte er zugleich ein Ende und den Beginn einer Tradition. Beide Frauen fanden unter ihren Zeitgenossen engagierte Biographen, die ihr Leben und Sterben in Prosa und Versen beschrieben und bis heute etwas von dem Charisma erkennen lassen, das sie einst ausstrahlten.
Der Corveyer Mönch und Rechtsberater der Gandersheimer Stiftsdamen, Agius, verfaßte seine Vita um 876, bereits zwei Jahre nach dem Tod Hathumods. Er war der Äbtissin offensichtlich in tiefer geistlicher Freundschaft verbunden und hatte auch der Sterbenden beigestanden.
Noch als Kind bestimmten die Eltern Hathumod für den geistlichen Stand und gaben sie zu ihrer Großmutter Aedila in das hochadlige Stift Herford, in dem sie erzogen und zur Nonne geweiht wurde. Der Vita zufolge zeigte Hathumod schon früh Neigung zur Askese, und wenn Agius die gereifte Seele in dem noch kindlichen Körper hervorhob, griff er damit eine seit der Spätantike bekannte Idealvorstellung des altersweisen Kindes auf, mit der Papst Gregor I. (590–604) seine berühmte Vita des Mönchsvaters Benedikt von Nursia eröffnet hatte.
Hathumod verachtete Schmuck und golddurchwirkte Gewänder, lernte rasch und aus eigenem Antrieb Lesen und Schreiben, wozu andere, wie Agius bemerkt, mit Schlägen getrieben werden müßten. Später war sie selbst eine hervorragende Lehrerin, die auf die individuellen Fähigkeiten der ihr anvertrauten Mädchen einzugehen wußte: „Eifrig widmete sie sich selbst dem Lesen der [heiligen] Schriften und liebte mit großer Zuneigung die ebenfalls Eifrigen; die Nachlässigeren, die, wie es schien, dennoch einige Fortschritte machen konnten, zwang sie mehr durch geringere Vertraulichkeit als durch körperliche Züchtigung zum Lernen. Beim Zuhören, Vorlesen und im Verständnis der Schrift vermochte fast niemand in dieser Zeit größere Sorgsamkeit, einen lebendigeren Sinn und tiefere Einsicht an den Tag zu legen als sie. Wenn sie irgend etwas, wie es üblich ist, fragen mußte, behandelte sie alles so klar und unterschieden, daß sie durch ihre Frage eher zu belehren als zu fragen schien.“





