Zugegeben, es ist ein alles andere als angenehmer Gedanke, aber stellen Sie sich einmal vor, Sie würden vor sich auf den Tisch spucken. Und gleich darauf den Speichel wieder auflecken und schlucken. Die Empfindung, die Sie dabei zweifellos überfällt, die Sie angewidert schaudern, die Augen zusammenkneifen, die Stirn…
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von JÜRGEN BRATER
Zugegeben, es ist ein alles andere als angenehmer Gedanke, aber stellen Sie sich einmal vor, Sie würden vor sich auf den Tisch spucken. Und gleich darauf den Speichel wieder auflecken und schlucken. Die Empfindung, die Sie dabei zweifellos überfällt, die Sie angewidert schaudern, die Augen zusammenkneifen, die Stirn runzeln sowie die Oberlippe hoch- und die Mundwinkel abwärtsziehen, vielleicht sogar die Zunge herausstrecken lässt, hat einen Namen: Ekel. Wobei der im konkreten Fall insofern erstaunt, als sich Speichel in Ihrem Mund ja ständig neu bildet und Sie ihn kontinuierlich schlucken, ohne dass Ihnen dabei übel wird, ja, ohne dass Sie sich dessen überhaupt bewusst werden.
„Vom Ursprung her dient Ekel dem Schutz vor ungenießbarer oder gar giftiger Nahrung und ist daher eng mit dem Geruchs- und Geschmackssinn verbunden. Der typische Ekelausdruck im Gesicht eines Menschen könnte eine Nahrungsabwehrreaktion widerspiegeln“, sagt die Psychologin Anne Schienle, international anerkannte Spezialistin auf dem Gebiet der Ekelforschung von der Universität Graz, und erklärt weiter: „Schon ganz kleine Kinder verziehen das Gesicht in typischer Weise, wenn man ihnen etwas Bitteres in den Mund träufelt.“
Zu den fünf häufigsten Auslösern für Ekel gehören Leichen, verdorbene Lebensmittel, Ausscheidungen, eitrige Wunden sowie Spinnen und andere Krabbeltiere.
Heftiger Ekel kann Übelkeit, aber auch Herzrasen, Schweißausbrüche, sinkenden Blutdruck und Ohnmacht zur Folge haben.
Danach dauert es allerdings noch zwei bis vier Jahre, bevor man bei Kindern – maßgeblich von Eltern und Umwelt beeinflusst – von echtem Ekel sprechen kann. Bis dahin spielen sie ohne Hemmungen mit den eigenen Exkrementen und beißen ohne den geringsten Widerwillen in Nacktschnecken. Laut Schienle liegt der eigentliche Sinn der überaus unangenehmen Empfindung darin, dass sie uns als eine Art Schutzreflex davor bewahrt, eng mit Dingen in Berührung zu kommen, die bei uns eine Krankheit auslösen könnten. Allerdings erklärt das den Sachverhalt nur unzureichend, denn viele Menschen ekeln sich auch vor Situationen, von denen für sie ganz sicher keine Gefahr ausgeht.
Mit bildgebenden Gehirnscans haben Forscher herausgefunden, dass bei der Konfrontation mit Ekelreizen – Anblick, Geruch, aber auch nur intensives Vorstellen oder Erinnern – die Insula aktiv wird, eine unter dem Schläfenlappen gelegene Hirnstruktur. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Verbindung kognitiver und emotionaler Elemente und hat einen großen Einfluss auf Motorik und Sensorik der Eingeweide. Des Weiteren ist an der Ekelreaktion maßgeblich das limbische System beteiligt, das über Beeinflussung des vegetativen Nervensystems emotionale Reaktionen auf Umweltreize auslöst. So lässt sich erklären, dass heftiger Ekel Übelkeit und Brechreiz, aber auch Herzrasen, Schweißausbrüche, sinkenden Blutdruck bis hin zur Ohnmacht zur Folge haben kann.
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Ein häufiges Symptom ist das anfänglich beschriebene „Ekelgesicht“, das bei allen Menschen auf der Welt gleich ist. Damit zählt es zu den fünf Gesichtsausdrücken, die gemäß dem amerikanischen Psychologen Paul Ekman von Menschen aller Länder und Kulturen intuitiv verstanden werden: Freude, Trauer, Überraschung, Wut und eben Ekel. Im Detail aber unterscheidet sich das Ekelempfinden bei Personen verschiedener Herkunft und Kultur zum Teil ganz erheblich. So empfinden etwa viele Asiaten Heuschrecken als ausgesprochene Delikatesse, und auf Sardinien gilt ein Käse als Leckerbissen, in dem sich Maden tummeln. Überhaupt zeigen gerade Essgewohnheiten, in welchem Ausmaß Ekel eine erlernte Empfindung ist. Denn obwohl doch jeder Deutsche weiß, dass das Fleisch von Pferden nicht gesundheitsschädlich und nach Aussage von Liebhabern sogar ausgesprochen schmackhaft ist, können sich nur die wenigsten überwinden, zumindest einmal davon zu probieren.
Ekel kann sogar rückwirkend auftreten: Eröffnet man einem Europäer in Vietnam, dass die schmackhafte Mahlzeit, die er gerade genossen hat, vorwiegend aus Hundefleisch bestanden hat, ist es durchaus möglich, dass ihm plötzlich übel wird und er sich übergeben muss. Aber auch vor ganz alltäglichen Dingen können sich Menschen ekeln: So gibt es etwa eine Internetseite www.knopfphobie.de, auf der sich Betroffene über ihren manchmal geradezu extremen Widerwillen gegen Knöpfe aller Art austauschen.
Zwischen den Begriffen Phobie und Ekel gibt es keine scharfe Abgrenzung. Vielmehr sind die Übergänge fließend, wobei bei der Phobie die intensive Furcht, beim Ekel die Abscheu im Vordergrund steht. Deutlich wird das besonders bei der Abneigung gegen Spinnen. Während diese bei einigen Menschen echte Angst, etwa vor Bissen, auslösen, kämpfen andere bei ihrem Anblick mit Übelkeit bis hin zum Brechreiz.
Zu den Top fünf der häufigsten Ekelauslöser gehören Leichen, verdorbene Lebensmittel, menschliche Ausscheidungen, eitrige Wunden sowie Spinnen und andere Krabbeltiere, etwa Maden, Würmer und besonders ausgeprägt Schlangen. Vielfach kann schon die Erinnerung an einen mit Ekel verbundenen Anlass oder sogar nur dessen Schilderung heftige Reaktionen auslösen. So berichtet der amerikanische Psychologe Martin Seligman davon, dass er einmal, während er unter einem heftigen grippalen Infekt litt, ein Steak mit Sauce béarnaise gegessen habe, woraufhin er sich habe übergeben müssen. Obwohl er sich selbst vollkommen darüber im Klaren war, dass die Übelkeit nichts mit der Soße zu tun hatte, sondern seiner Krankheit geschuldet war, hatte er seitdem eine unüberwindbare Abneigung gegen Sauce béarnaise. Dieses Phänomen ist seither in Fachkreisen unter der Bezeichnung „Sauce-Béarnaise-Syndrom“ bekannt.
Frühkindliche Prägung
Während jedoch die Auslöser eins bis vier praktisch allgemeingültig sind, ist das bei den ekelerregenden Tieren grundsätzlich anders. Nehmen wir als Beispiel die bereits erwähnten Spinnen: Es gibt Menschen, die beim Anblick eines solchen Krabblers, und sei er noch so klein, geradezu in Panik geraten, einen schrillen Schrei ausstoßen und so schnell wie möglich das Weite suchen. Andere dagegen empfinden Spinnen als faszinierende Tiere, die nicht nur kunstvolle und dabei erstaunlich widerstandsfähige Netze bauen können, sondern in ihrer achtbeinigen Grazilität durchaus als hübsch anzusehen sind. Und auch Schlangen in all ihrer Vielfalt lösen keinesfalls bei allen Menschen Abscheu und Fluchtreflexe aus, vielmehr sehen manche in ihnen faszinierende Geschöpfe mit einer ganzen Reihe bewundernswerter Eigenschaften. Ob ein Mensch in einer solchen Situation zu Ekel oder Angst neigt oder ob sie ihn vollkommen kalt lässt oder erfreut, ist offenbar genetisch vorbestimmt. Wobei frühkindliche Prägung zweifellos auch eine entscheidende Rolle spielt. Rationale Gesichtspunkte scheinen dagegen unbedeutend zu sein.
Wie tief manche Ekelauslöser in uns verankert sind, hat der amerikanische Kulturpsychologe Paul Rozin in mehreren Studien bewiesen. So konnte er viele Versuchspersonen nicht dazu bewegen, aus Uringläsern Saft zu trinken, obwohl die Behältnisse vorher im Beisein der Teilnehmer perfekt gereinigt und sogar desinfiziert worden waren. Und damit nicht genug: Selbst abstoßende, dabei aber gänzlich ungefährliche Vorstellungen im Hinblick auf Ereignisse und speziell Personen lösten bei vielen Probanden typische Ekelsymptome aus, etwa das Auto eines Mörders zu fahren oder einen Pullover von Adolf Hitler zu tragen.
Was eklig ist und was nicht, ist aber nicht nur eine Frage der Herkunft und Kultur, sondern auch der Zeit. So war es noch im Mittelalter in Deutschland weit verbreitet, sich – auch im Beisein anderer – in die bloßen Hände zu schnäuzen oder bei Tisch herzhaft neben sich zu spucken. Marktabfälle blieben einfach liegen, Nachttöpfe wurden auf die Straße gekippt, und selbst der Umgang mit menschlichen Fäkalien war bei Weitem nicht so tabuisiert wie heute. Noch bis ins 19. Jahrhundert kamen selbst hochgestellte Persönlichkeiten nicht auf die Idee, sich wenigstens hin und wieder gründlich zu waschen. Stattdessen puderten, schminkten und parfümierten sie sich lieber. Wie sie gerochen, um nicht zu sagen gestunken haben, mag man sich gar nicht vorstellen. Dennoch haben sie sich offensichtlich nicht voreinander geekelt.
Frauen ekeln sich häufiger
Was die geschlechtsspezifische Ekelsensivität betrifft, kommen mehrere Studien übereinstimmend zu dem Schluss, dass Frauen im Allgemeinen stärker betroffen sind. Besonders intensiv mit dieser Frage hat sich eine Untersuchung der London School of Hygiene and Tropical Medicine aus dem Jahr 2014 beschäftigt. Die Leiterin Valerie Curtis liefert folgende Erklärung: Da es in der Regel die Frauen sind, die sich hauptsächlich um den Nachwuchs kümmern, müssen diese beim Umgang mit möglichen Infektionsherden noch vorsichtiger als Männer sein. Einen ähnlichen Grund sieht die Hygieneforscherin auch für die Tatsache, dass man sich normalerweise vor den Ausscheidungen naher Verwandter und speziell der eigenen Kinder weniger ekelt als vor Urin und Exkrementen fremder Personen. Letztere scheiden möglicherweise Krankheitserreger aus, mit denen sich das Immunsystem der eigenen Familie noch nicht auseinandersetzen und somit noch keine Antikörper dagegen produzieren konnte. Wieweit sich das Ekelempfinden bei Frau und Mann in Zukunft verändert, bleibt abzuwarten – haben doch in der heutigen Zeit immer mehr Männer intensiven Kontakt mit ihrem Nachwuchs.
Allgemein anerkannt, da vielfach belegt, ist jedenfalls, dass Frauen auf ekelerregende Situationen besonders heftig in den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft reagieren. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass ihr Immunsystem, um eine Abstoßung des Embryos zu vermeiden, in dieser Zeit auf Sparflamme läuft. Deshalb müssen sie sich besonders gut vor möglichen Infektionen schützen. Dass zwischen Ekel und Immunsystem eine enge Beziehung besteht, hat 2022 eine Forschergruppe der Universität Hamburg in einer Studie bewiesen: Nachdem sie unterschiedlichen Probandengruppen Filme mit sehr abstoßenden, weniger abstoßenden und gänzlich harmlosen Szenen vorgeführt hatten, fanden die Wissenschaftler in deren Speichel umso mehr Immunglobuline vom Typ A, je ekelerregender die gesehenen Filme gewesen waren. Judith Keller, Erstautorin der Studie, sagt: „Es zeigte sich, dass die IgA-Konzentration bei Testpersonen nach der Stimulation – vor allem bei Videos, die Menschen mit Krankheitssymptomen zeigen – deutlich anstieg.“ Unser Immunsystem reagiert demnach offenbar nicht erst auf Krankheitserreger, wenn diese bereits in den Körper eingedrungen sind, sondern schon, wenn die Gefahr besteht, dass eine Infektion unmittelbar bevorsteht.
Aber es gibt auch Situationen, in denen das Ekelgefühl von Frauen – wie Männern – deutlich herabgesetzt ist. Das ist immer dann der Fall, wenn sie sexuell stark erregt sind. Jedenfalls ist das das Resultat einer umfangreichen Studie niederländischer Forscher, das sie im Fachblatt „Plos One“ folgendermaßen erklärten: Würden erotische Ausscheidungen wie Schweiß, Sperma und Speichel, sonst sehr starke Ekelauslöser, Menschen vom Sex abhalten, wäre es um die Fortpflanzung schlecht bestellt.
In Ekel-Konfrontation
Wer beruflich mit ekelerregenden Situationen konfrontiert ist, muss zwangsläufig damit klarkommen. Ärzte berichten, mit dem Anziehen des weißen Kittels verändere sich ihre Empfindlichkeit, und Dinge, die sie ansonsten höchst widerwärtig fänden, würden ihnen auf einmal viel weniger ausmachen. Wäre es anders, könnten sie ihre Patienten nicht behandeln – und Rechtsmediziner nicht Tote sezieren. Offenbar lernt das Gehirn bei diesen Menschen mit der Zeit, dass derlei Situationen nicht gefährlich sind und reagiert deshalb nicht mehr so stark darauf. Laut Schienle gibt es allerdings – wenngleich selten – auch Fälle, bei denen Menschen, die berufsbedingt ständig mit ekligen Dingen zu tun haben, mit der Zeit nicht schwächer, sondern stärker darauf reagieren.
Begegnen kann man einem ausgeprägten Ekelgefühl vor allem mit psychotherapeutischen Methoden, etwa einer Konfrontationstherapie. Besonders bei starken Aversionen gegen Tiere, vor allem Spinnen, kann man damit erstaunliche Erfolge erzielen. Medikamente, mit denen sich die Abscheu wirksam bekämpfen ließe, gibt es laut Schienle dagegen nicht. Interessant ist deshalb eine ihrer Studien, an der 34 Frauen mit starker Ekelempfindlichkeit teilnahmen: Als Schienle diesen wirkstofffreie Substanzen, sogenannte Placebos, verabreichte, die sie als hocheffektive Naturheilmittel empfohlen hatte, empfanden die Versuchspersonen nach eigenen Angaben nur noch halb so viel Ekel wie vorher. Und auch die begleitenden Gehirnscans zeigten deutliche Veränderungen. Damit lieferte Schienle möglicherweise wichtige Ansätze für neuartige Therapiemöglichkeiten.
Die Sache mit dem Speichel
Und warum ekeln wir uns nun vor Speichel, sobald er sich nicht mehr in unserem Mund befindet, sondern ausgespuckt vor uns liegt? Daran sind vermutlich mehrere Faktoren beteiligt: Zum einen gilt, dass alles, solange wir es im Körper haben, etwa Blut oder Darminhalt, nicht ekelrelevant ist. Erst wenn es den Körper verlässt, empfinden wir dagegen eine Abneigung. Zum anderen bemerken wir beim Schlucken den Schleimgehalt des Speichels nicht oder empfinden ihn zumindest nicht als störend, wohingegen er dem ausgespuckten Speichel eine mehr oder minder zähflüssige Konsistenz verleiht, die uns – dem Nasensekret vergleichbar – widerwärtig ist. Schließlich geht das im Speichel enthaltene Natriumbikarbonat an der Luft in Natriumkarbonat über, das den Speichel trüb werden lässt und ihm ein höchst unappetitliches Aussehen verleiht. Außerdem ist ausgespuckter Speichel durch eingeschlossene Luft mehr oder weniger schaumig, was wir ebenfalls als abstoßend empfinden.
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