Im November 1944 irrt ein verwahrloster und halbverhungerter Jude durch die Ruinen Warschaus. Er ist, als Einziger seiner Familie, dem jüdischen Ghetto entkommen, die Eltern und drei Geschwister wurden vor seinen Augen ins Vernichtungslager Treblinka abtransportiert. Seit Monaten ist er auf der Flucht vor den Deutschen. Auf dem Dachboden einer verlassenen Villa richtet sich der junge Mann ein Versteck ein. In der Küche findet er Dosen mit Lebensmitteln. Er ist so mit der Suche nach einem Dosenöffner beschäftigt, dass er den anderen im Haus nicht bemerkt. „Was suchen Sie hier?“, fragt eine Stimme dicht hinter ihm. An einen Küchenschrank gelehnt, steht da ein hochgewachsener, eleganter deutscher Offizier. „Sie sind Jude?“ „Ja.“ „Wovon leben Sie?“ „Ich bin Pianist“, antwortet der verängstigte Mann. Der Offizier zeigt auf ein Klavier im Nebenzimmer. „Spielen Sie etwas!“ Der Pianist spielt. Der Deutsche hört lange zu, dann fordert er den Mann auf, ihm sein Versteck zu zeigen. Er bringt ihm eine Decke. Drei Wochen lang versorgt er ihn mit Lebensmitteln. Er rettet ihm das Leben.
Die Begegnung der beiden Männer ist nicht erfunden, der polnische Pianist W³adys³ aw Szpilman hat sie direkt nach Kriegsende aus der Erinnerung geschildert. Sein Buch „Mein wunderbares Überleben“ wurde ein Welterfolg. 2002 ist es von Roman Polanski unter dem Titel „Der Pianist“ verfilmt worden. Der Film hat W³ a-dys³ aw Szpilman in Deutschland auch einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Kaum jemand kennt hingegen den deutschen Offizier Wilm Hosenfeld, dem nicht nur Szpilman sein Leben verdankte. Während der Zeit der deutschen Besatzung hat er zahlreiche Polen und Deutsche, Juden und Nicht-Juden vor Verhaftung und Tod geschützt. Ihn leitete menschliches Mitgefühl.
Wilm Hosenfeld wurde am 2. Mai 1895 als viertes von sechs Kindern im Dorf Mackenzell im heutigen Landkreis Fulda geboren. Er wurde streng und im katholischen Glauben erzogen. Mit 19 Jahren zog er begeistert in den Ersten Weltkrieg, kämpfte in Belgien, an der Ostfront, dann in Siebenbürgen. Zurück auf dem hessischen Land, heiratete er seine Verlobte Annemarie Krummacher. Wie sein Vater wurde er Dorfschullehrer. Hosenfeld war Mitglied im Katholischen Lehrerverband, er spielte die Orgel und führte als Vorbeter Wallfahrten an, er las oft und gern in der Bibel. Die pulsierende Kultur der Weimarer Republik war ebenso weit weg wie die Berliner Politik…
Gregor Papsch




