Ich bin die Eins. Und eins möchte ich gleich zu Beginn klarstellen: Einsam bin ich nicht. Alleine – ja, aber einsam – nein. Einsamkeit hieße, dass ich mich über mein Alleinsein beklage. Das tue ich aber nicht.
Ich, die Eins, stehe alleine, aber ich kann das. Ich brauche niemanden, ich genüge mir selbst. Darüber bin ich froh. Und sogar ein bisschen stolz.
Ich bin alleine. Das ist etwas Gutes! Kein Stress mit Sozialbeziehungen: zusammen und wieder auseinander. Wer macht den Abwasch? Wer bringt den Müll runter? Diese ewigen Diskussionen bleiben mir erspart.
Ich bin die einzige Zahl, die für sich allein steht. Alle anderen Zahlen brauchen mich, als notwendige Voraussetzungen für ihre mathematische Existenz. 2 ist 1+1, 3 ist 1+1+1, 10 ist 1+1+1+1+1+1+1+1+1+1, und so geht es immer weiter. Aus mir kann man alles aufbauen. Die ganzen Zahlen stammen alle von mir ab!
Der Mathematiker Leopold Kronecker (1823 bis 1891) hat mal gesagt: „Die natürlichen Zahlen, also 1, 2, 3 und so weiter, hat der liebe Gott gemacht, alles andere ist Menschenwerk.” Hier irrte Kronecker: Mich allein musste der liebe Gott schaffen und sonst keine Zahl, denn aus mir kann man alle anderen entstehen lassen. Überall auf der Welt, wo es Zahlen gibt, bin ich da.
Ich bin der Anfang des Zählens. Na ja, vielleicht übertreibe ich in diesem Punkt ein bisschen. Ich gebe ja zu: Wer nur „1″ sagt, zählt noch nicht richtig. Man könnte sagen, dass das Zählen erst mit 3 beginnt. Die 1 sagt „ich”, die 2 sagt „ich und du”, und erst die 3 öffnet den Blick zur Welt. Aber zählen ohne mich geht nicht, das Zählen kann nicht beginnen. Mit 1 fängt alles an.
Die einzige Zahl, die ich neben mir gelten lasse, ist die Null. Die ist auch noch wichtig. Denn mit 0 und 1 kann man alle Zahlen bequem darstellen. Das hat der große Wissenschaftler Leibniz 1697 entdeckt.
Aber einen Unterschied hat auch Leibniz gemacht: Die Eins war für ihn das Göttliche, die Null dagegen leer und nichtig, das Teuflische. Er sah sich dadurch bestätigt, dass die heilige Zahl 7 im Binärsystem die Form 111 hat – also aus drei göttlichen Einsen, ohne jede teuflische Null aufgebaut ist.
Wie ich meine Freizeit verbringe? Ich kann mich sehr gut mit mir selbst beschäftigen. Ich denke gerne nach, über mich und die gesamte Zahlenwelt. Dazu brauche ich Ruhe.
Ich gestehe, dass ich leicht narzisstisch veranlagt bin. Ich schaue mich gerne selbst an. Ich finde mich toll. Der Dichter Angelus Silesius hat einen wunderbaren Sinnspruch gefunden: „Was tun die Seeligen – so man es sagen kann? – Sie schaun ohn’ Unterlass die ewge Schönheit an!” Und wer soll die ewige Schönheit sein? Das bin natürlich ich, die Eins!
Politik? Eine lange Nase habe ich ja, und neugierig bin auch – in Maßen. Einerseits geht mich alles etwas an, denn ich stecke ja mittendrin. Andererseits bin ich mir selbst genug und kann über die kindischen Scherze meiner Abkömmlinge nur milde den Kopf schütteln.
Es ist nicht nötig, dass ich mich um jeden Unsinn kümmere. Sollen die anderen sich doch streiten und die Köpfe einschlagen: Am Fundament ändert sich nichts, und das Fundament bin ich! Alles im Zahlenreich baut auf mir auf, und nichts funktioniert ohne mich. Ist das denn so schwer einzusehen?





