1379 heiratete Christine den königlichen Sekretär Étienne du Castel. Es wurde eine glückliche Ehe, der drei Kinder entsprangen, zwei Töchter und ein Sohn. Doch nur ein Jahr darauf begann sich das Schicksal zu wenden. Am 16. September 1380 starb Karl V. im Alter von 42 Jahren, und Tommaso da Pizzano verlor seine hervorgehobene Stellung. 1387 starb Christines Vater, drei Jahre später ihr Ehemann. Da die junge Witwe keine zweite Ehe eingehen wollte, war sie wirtschaftlich fortan auf sich allein gestellt.
Christine bekam zu spüren, dass sie sich mit dieser Entscheidung gegen die gesellschaftlichen Konventionen gestellt hatte und dafür ausgrenzt wurde. Um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern, begann sie, Handschriften zu kopieren und schließlich selbst als Autorin tätig zu werden. Sie schrieb weltliche und geistliche Lyrik, philosophische und moralische Belehrungen, eine Biographie Karls V. von Frankreich, ein Gedicht auf Jeanne d’Arc sowie autobiographisch gefärbte Schriften.
Das große Thema Christines aber war die Rolle der Frau in der Gesellschaft, wie sie unter anderem im zweiten Teil des „Rosenromans“ um 1275 propagiert worden war. Das Ideal der ewigen Liebe, das noch im ersten Teil dieses mittelalterlichen Bestsellers von Guillaume de Lorris gepriesen wurde, mutierte in der Fortsetzung durch Jean de Meung zur lasterhaften Versuchung. Frauen, so der Gelehrte an der Pariser Sorbonne, sollten ihren Männern dienen „wie die Kühe den Stieren“. Der „Rosenroman“ wurde zu Zeiten Christines noch immer viel gelesen, Jean de Meung galt weithin als unwidersprochene Autorität. Und diese Autorität forderte Christine de Pizan von 1399 an heraus, indem sie sein Frauenbild offen zerpflückte. Als Quintessenz ihres schriftstellerischen Engagements für ein vorurteilsfreies Bild des weiblichen Geschlechts kann ihr 1404/05 entstandenes „Buch von der Stadt der Frauen“ bezeichnet werden. Darin zeichnet Christine de Pizan das utopische Bild einer idealen Gesellschaft auf der Basis der Lebensläufe vor‧bildhafter weiblicher Gestalten aus der Geschichte und den biblischen Schriften und wendet sich noch einmal gegen die Verzerrungen in der von Männern dominierten Literaturwelt: „Diejenigen, die Frauen aus Missgunst verleumdet haben, sind Kleingeister, die ihnen an Klugheit und Vornehmheit überlegenen Frauen begegnet sind. Sie reagierten darauf mit Schmerz und Unwillen, und so hat ihre große Missgunst sie dazu bewogen, allen Frauen Übles nachzusagen“. Christine de Pizan war überzeugt: Ließe man kleine Mädchen ebenso lernen und studieren wie Jungen, „würden sie … die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen wie jene … Je stärker die Frauen den Männern an Körperkraft unterlegen [sind], desto mehr Scharfsinn entfalten sie überall dort, wo sie sich wirklich ins Zeug legen“.




