„Als ich meinen ersten Forschungsantrag in Sachen Epo stellte, habe ich nur ein müdes Lächeln geerntet”, beschreibt Prof. Hannelore Ehrenreich den Start eines steinigen Forschungsweges – der schon in Kürze zu einer neuen Therapie für Schlaganfall-Patienten führen könnte.
Die Neurologin hatte bereits Ende der achtziger Jahre beobachtet, dass das Blutbildungshormon Erythropoetin (Epo) bei Nierenversagen nicht nur die Blutwerte bessert. Bereits nach wenigen Tagen waren die schläfrigen und manchmal auch depressiven Patienten wie ausgewechselt – und zwar eindeutig, bevor überhaupt neue Blutzellen entstanden waren. „Mir kam sofort der Verdacht, dass Epo auch auf das Gehirn wirken muss.” Damals konnte das Peptid-Hormon erstmals gentechnisch produziert werden und stand auch zu therapeutischen Zwecken bereit. Aber niemand – außer Hannelore Ehrenreich – konnte sich vorstellen, dass es auch auf Nerven wirkt. So wurden ihre Forschungsanträge abgelehnt.
Doch 1993 wiesen japanische Forscher in Gehirnzellen eine eigene – wenn auch geringe – Epo-Produktion nach. Nun hatte Ehrenreich die Argumente auf ihrer Seite. Gerade aus den USA an die Neurologische Klinik der Georg-August-Universität und ans Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin in Göttingen gewechselt, konnte sie ihre unfreiwillig eingemottete Idee wieder aufgreifen. Ihre Forschungen ergaben, dass Hirnzellen das Hormon hauptsächlich während der Embryonalentwicklung bilden. Aber auch das Gehirn Erwachsener produziert Epo – vor allem, wenn Zellen in Not geraten. Dann bremst das Hormon das zelleigene Selbstmordprogramm Apoptose.
Epo avancierte damit zu einem idealen Wirkstoff bei Schlaganfällen. Bei dieser Erkrankung werden Gehirnzellen entweder durch einen Gefäßverschluss oder durch ein geplatztes Blutgefäß von der Blutversorgung abgeschnitten. Die Zellen geraten in Sauerstoffnot und starten bereits nach wenigen Minuten das Apoptose-Programm, um kontrolliert zu sterben. Selbst wenn die Gehirnregion nach wenigen Minuten wieder durchblutet wird, ist das betroffene Hirnareal dem Untergang geweiht.
In Göttingen wurde zunächst eine Pilotstudie mit 53 Patienten gestartet. In den ersten drei Tagen nach ihrem Schlaganfall erhielten sie jeweils eine hoch dosierte intravenöse Spritze mit dem Hormon. Einen Monat später wiesen 14 Prozent der Epo-Patienten noch schwere Hirnschädigungen auf. In einer Kontrollgruppe, die lediglich eine Kochsalzlösung injiziert bekommen hatte, lag dieser Anteil mit 42 Prozent exakt dreimal so hoch.
Nun gilt es, diese überaus positiven Ergebnisse mit einer größeren Patientenzahl zu erhärten. Seit Februar 2003 läuft in Göttingen, Bremen, Berlin und Aachen eine neue Epo-Studie, an der mehr als 500 Schlaganfall-Patienten teilnehmen sollen. „ Hoffentlich können wir die ersten Zwischenergebnisse in etwa anderthalb Jahren präsentieren”, sagt Ehrenreich. Die beharrliche Forscherin sieht den Einsatz des gut verträglichen Hormons allerdings nicht nur auf Schlaganfälle begrenzt. Auch bei anderen Nervenstörungen scheint die Apoptose eine Rolle zu spielen. Derzeit untersucht Ehrenreich die Schutzfunktion von Epo bei Schizophrenie-Kranken. In ferner Zukunft denkt sie ebenfalls an die Behandlung von Nervenleiden wie Alzheimer, Multipler Sklerose oder Parkinson.
Thomas Willke





