Aber warum gestikulieren wir auch, wenn wir mit jemandem telefonieren, obwohl der andere unsere Bewegungen überhaupt nicht sehen kann? Laut mehreren Studien ist es so, dass wir mit den gesprächsbegleitenden Arm- und Handbewegungen in erster Linie gar nicht unserem Gegenüber, sondern uns selbst gedanklich auf die Sprünge helfen. Britische Wissenschaftler hatten Versuchspersonen aufgefordert, zu Bildern spontan passende Begriffe zu finden. Mit dem Ergebnis, dass Teilnehmer, die dabei nach Herzenslust mit den Armen herumwedeln durften, deutlich schneller waren als andere, die ihre Hände still vor der Brust verschränken mussten. Offenbar lösen die Bewegungen im Gehirn zielgerichtete Denkvorgänge aus oder erleichtern zumindest deren Entstehung. Dafür spricht auch, dass wir die Hände – unbewusst – umso intensiver einsetzen, je mehr uns das Thema, über das wir reden, erregt und je komplexer es ist.
Auffällig war bei der Studie, dass die Gesten unmittelbar mit den gesuchten Wörtern zu tun hatten. Andere Personen, denen man die Bewegungen auf einem tonlosen Video vorspielte, waren fast immer in der Lage, den Begriff allein anhand der Gesten aus einer Wörterliste herauszufinden.
Eine andere Erklärung stammt von Forschern des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik im holländischen Nimwegen unter Leitung des Verhaltensforschers Wim Pow. Dem war aufgefallen, dass auch blind geborene Menschen beim Reden gestikulieren, und zwar genauso, wie es Sehende tun. Das legt die Vermutung nahe, dass es einen Zusammenhang zwischen der Körperbewegung und der akustischen Wahrnehmung des Gesprochenen gibt.
Um die Sachlage zu klären, ließen die Forscher drei Männer und drei Frauen eine Reihe langgezogener Vokale aussprechen – einmal begleitet von reinen Handbewegungen und ein andermal von Gesten mit den ganzen Unterarmen, jeweils in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß. 30 andere Versuchsteilnehmer hörten die Laute über Kopfhörer und sollten ihre Hände und Arme dabei so bewegen, wie sie sich das bei den Sprechern vorstellten. Das Ergebnis: Die Gesten waren bei den Spracherzeugenden und Hörenden fast identisch. Offenbar liefern subtile Schwankungen im Klang der Stimme dem Zuhörer genügend Anhaltspunkte, um die Körperbewegungen des Gesprächspartners zu rekonstruieren.
Die Forscher vermuten, dass es sich bei dem Phänomen um ein evolutionäres Erbe handelt, das unseren steinzeitlichen Vorfahren ermöglichte, die emotionale Verfassung ihres Gesprächspartners auch dann zu erkennen, wenn sie ihn gerade nicht sehen konnten.





