DAMALS: Frau Erbelding, was können antike Kulte den Menschen heute noch sagen?
Susanne Erbelding: Sie sind in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Zum einen ist die römische Kultur, die Kultur des Imperium Romanum, ohne die Religion, die Verehrung der Götter und die innere Einstellung, die die Römer dazu hatten, überhaupt nicht verständlich. Religion durchdringt im Römischen Reich alle Bereiche: den Staat, das öffentliche Leben, aber auch das private Umfeld. Zum anderen ist das Bedürfnis nach Spiritualität, nach Transzendenz, nach Hinwendung zu einer geistigen Autorität, die das Schicksal beeinflusst, ungebrochen – es war damals groß und ist es auch heute noch. Die Römer haben im Leben keine Entscheidung getroffen, ohne vorher die Götter zu befragen, haben also Lebenshilfe und Beistand bei den Unsterblichen gesucht. Die Beschäftigung mit dieser Welt gibt uns Aufschluss darüber, wie sie Daseinsprobleme lösten, die heute noch identisch sind.
DAMALS: Ist das tatsächlich vergleichbar?
Erbelding: Daseinsprobleme sind eine universelle menschliche Konstante. Allerdings war die Lage in der Antike eine besondere: Die Menschen fühlten sich den Göttern schon ausgeliefert. Diese entschieden für sie. Oder die Götter ignorierten einfach, was auf Erden geschah, schauten weg. Wenn man sie aber vernachlässigte, konnte es sein, dass sie Rache übten. Man musste daher darauf achten, den Göttern immer das zukommen zu lassen, was ihnen zustand. Dann hatte man eine gute Chance, ein gesichertes Leben zu führen. Im Gegensatz dazu vertreten wir heute ein aufgeklärtes, naturwissenschaftlich geprägtes Weltbild. Technische Errungenschaften oder Gesetze geben bei uns oft den Ausschlag für Entscheidungen. Das war in der Antike anders.
DAMALS: Was fasziniert Sie persönlich an antiken Kulten?
Erbelding: Mich fesselt die damalige, bestimmte Art und Weise, Mensch zu sein. Zum Teil stellt man fest: Die Menschen waren uns in vielen Punkten ganz ähnlich, haben ganz ähnlich gefühlt. Und zum Teil erfährt man: Sie waren ganz anders. Von dieser Andersartigkeit kann man sich natürlich nicht nur befremden, sondern auch befruchten lassen und sich fragen: Ist das vielleicht eine Perspektive für mein Leben?
DAMALS: Welchen Ansatz verfolgt die Ausstellung „Imperium der Götter“?




