Die Alltagsgeschichte ist bei den Historikern in den letzten Jahrzehnten in Mode gekommen. Allerdings wurde und wird fast ausschließlich die Alltagsgeschichte des Volkes, vor allem der Bauern und der Unterschichten behandelt, dem Alltag der Oberschichten widmete man dagegen kaum eingehende Untersuchungen. Dieses Phänomen ist auch an der österreichischen Herrscherin Maria Theresia, deren Person und Zeitalter sich in der Forschung, aber auch der populärwissenschaftlichen Literatur großer Beliebtheit erfreut, festzustellen. Während es viele Untersuchungen zur Politik der Zeit, zu den Reformen und auch jede Menge Biographien dieser Herrscherin gibt, hat ihr Alltagsleben bisher nicht das ungeteilte Interesse eines Forschers oder einer Forscherin gefunden.
Vielleicht liegt es auch daran, daß man Alltagsleben immer mit Privatleben verbindet und es bei den Herrschenden schwer festzustellen ist, wieweit sie solch ein Privatleben im modernen Sinne hatten. Maria Theresia war, wie alle Habsburger, eingebunden in ein strenges Zeremoniell, das sie von früh bis spät in ihren Handlungen bestimmte und wenig Freiräume und kaum eine Privatheit zuließ. Dennoch ist es die Zeit des aufgeklärten Absolutismus in der Habsburgermonarchie, in der die Herrschenden erstmals Züge annehmen, die uns vertraut erscheinen und nicht mehr die starren Masken des barocken Herrschers zeigen. Deutlich wird das vor allem in den menschlichen Beziehungen Maria Theresias zu ihren Kindern. Sie hat mit diesen, die ja in unterschiedlichen Gegenden Europas lebten, einen sehr engen brieflichen Kontakt gehalten. Diese Briefe sind voll von Ermahnungen und Ratschlägen und kaum jemand, der sie liest, kann sich dem Vergleich mit persönlichen Erinnerungen an das Verhalten der eigenen Eltern entziehen. Solche Briefe sind uns von den Herrscherinnen und Herrschern davor nicht überliefert, wenn auch schon in manchen Briefen des 16. Jahrhunderts Ansätze solcher persönlicher Beziehungen – vor allem bei den religiösen Ermahnungen – auszumachen sind.
Maria Theresias Alltagsleben muß man in mehrere Phasen gliedern, denn der Alltag war von den jeweiligen Lebensumständen abhängig. Die erste Phase (1717–1736) umfaßt Kindheit und Jugend, die vor allem im Zeichen der Erziehung standen, dann die Zeit der Ehe mit Franz Stephan von Lothringen (als Kaiser Franz I.) von 1736 bis 1765 und schließlich ihre Witwenjahre von 1765 bis zu ihrem Tod 1780.
Ein erhalten gebliebenes Kinderbild Maria Theresias mit einer Puppe macht klar, daß die Kindheit der späteren Monarchin zwar noch im Zwange der barocken höfischen Atmosphäre verlief, aber doch schon etwas weniger steif, als man das von den Kinderporträts des 17. Jahrhunderts kennt. Maria Theresia ist auf dem Bild in einem ganz gewöhnlichen Kinderkleid dargestellt, die Puppe, die sie im Arm hält, hat sie auch als Erwachsene aufgehoben. Durch einen Zufall kam dieses Spielzeug – zusammen mit anderen Erinnerungsstücken (darunter das genannte Bild, aber auch ihr Morgenmantel und ihr Sterbekleid) nach Klagenfurt in den Konvent der Elisabethinen, wo ihre Tochter Erzherzogin Marianne hinter Klostermauern lebte. Die schulische Erziehung Maria Theresias, die etwa im Volksschulalter einsetzte, erfolgte – wie bei allen Habsburgern – als privater Unterricht, der von einer Aja geleitet wurde. Diese Funktion der Aja, bzw. bei Männern des Ajo (ein Import aus Spanien) war überaus wichtig für die Erziehung des jeweiligen Kindes, weil die Aja die Hauptrolle im “Team” der Lehrer spielte. Für Maria Theresia wählte man Maria Karoline Gräfin Fuchs geborene Mollart, die Tochter des Vizepräsidenten der Hofkammer als Aja aus. Sie hatte 1710 Christoph Ernst Graf Fuchs, einen württembergischen Gesandten geheiratet, wurde 1719 Witwe und war seit 1728 als Aja Maria Theresias und ihrer jüngeren Schwester Maria Anna tätig. Nach der Heirat Maria Theresias blieb sie als Obersthofmeisterin weiter in ihrer Nähe. Maria Theresia bezeichnete sie zutraulich als ihre “liebe Alte”. Wie eng die Beziehung der Herrscherin zu ihrer Aja gewesen ist, kann man nicht zuletzt daraus ersehen, daß die “Fuchsin”, als sie 1754 starb, als einzige Nicht-Habsburgerin in der Kapuzinergruft, der Familienbegräbnisstätte des Erzhauses in Wien, begraben wurde.




