Diese Lücke schließt endlich der Stuttgarter Zeithistoriker Wolfram Pyta, der Hindenburg erstmals so ernst nimmt, wie es dessen enorme Bedeutung erfordert. Das Ergebnis ist das komplexe Porträt eines ungeahnt eigenständigen Politikers, der genau wusste, was er wollte, und diesen Willen ohne Rücksicht auf persönliche Bindungen durchsetzte. Hindenburg gewinnt Format und verliert Unschuld, denn vor allem die fatale Berufung Hitlers zum Reichskanzler erscheint nun als sein eigenes Werk.
Was trieb den greisen Staatsmann? Pyta schreibt Hindenburg einen dezidierten Herrschaftsanspruch zu, der sich schon im Ersten Weltkrieg dar-auf stützte, das Symbol nationaler Einheit schlechthin zu sein. Diese charismatische Autorität wollte Hindenburg so unbeschädigt wie möglich erhalten, um sie für das Projekt einer „Volksgemeinschaft“ zu nutzen. Das Ziel einer nationalen Vergemeinschaftung widersprach freilich den Prinzipien und dem mühsamen Tagesgeschäft einer pluralistischen Demokratie. Daher gab sich Hindenburg erst zufrieden, als er einen Reichskanzler gefunden hatte, der mit der Weimarer Republik „restlos aufräumte“.
Am Ende übertrug Hindenburg dem neuen „Führer“ bereitwillig nicht nur die legale, sondern auch die symbolische Macht – nach Pyta eine translatio imperii von einem auf den anderen charismatischen Herrscher. Nicht erst hier stellt sich allerdings die Frage, ob Hindenburg tatsächlich so weit gesteckte Intentionen besaß. Manche These des Autors wirkt wie ein Pendelumschlag von der Unterschätzung zur Überschätzung. Wie jedes bedeutende Buch, so bietet auch diese fundamentale und fesselnde Hindenburg-Biographie genügend Stoff für lebhafte Diskussionen.
Rezension: Hürter, Johannes




