Dabei ist Fuhrer längst nicht der Einzige, der den Anschlag vom 7. November schriftstellerisch aufzubereiten suchte. Seit 1938 haben sich verschiedene deutsche, amerikanische und französische Autoren auf wissenschaftlicher wie fiktionaler Ebene mit den Ereignissen um den Tod vom Raths auseinandergesetzt. Der Autor hält diese Arbeiten jedoch allesamt für ungenügend, weil sie auf einer unzureichenden Quellenlage basieren. Er setzt ihnen daher seine eigene, „echte Untersuchung der Geschehnisse“ entgegen. Diese fuße, so verspricht es die Einleitung, auf „neuen Quellen“ und liefere daher zusätzliche Erkenntnisse. Bedauerlicherweise werden die „neuen Quellen“ dann an keiner Stelle genannt, noch ihr potenzieller Mehrwert für die historische Erforschung des Falls Grynszpan diskutiert. Zwar findet sich ein Quellenverzeichnis im Anhang, auch hier bleibt aber im Dunkeln, bei welchen Signaturen es sich um die bisher nicht ausgewerteten Quellen handelt.
Die Recherchen Fuhrers bringen letztlich keine grundlegend neuen Erkenntnisse bezüglich der Ereignisse. Nach der Lektüre von 344 Seiten eng bedrucktem Text nimmt sich die Zusammenfassung der Forschungsergebnisse auf eineinhalb Seiten im Epilog außerordentlich bescheiden aus. So kann auch Fuhrer die für die Bewertung des Attentats so wichtige Motivlage Grynszpans nicht endgültig klären. Diskutiert wird seit jeher, ob es sich bei dem Anschlag auf vom Rath um eine Beziehungstat unter homosexuellen Männern gehandelt habe oder ob ideologische Gründe, also gezielte Agitation gegen das NS-Regime, Anlass zu dem Anschlag gaben. Die angekündigten „neuen Sichtweisen“ auf das Attentat bleibt der Autor damit weitgehend schuldig. Auch wenn die dürftige Quellenlage keine Ergänzung der Faktenlage rund um die Geschehnisse vom 7. November zulässt, birgt der Fall Grynszpan für die historische Forschung dennoch einiges Potenzial, das Fuhrer zwar erkennt, aber aufgrund seines Erkenntnisinteresses nicht ausschöpft. Darunter die Ausschlachtung des Anschlags durch das NS-Propagandaministerium im Rahmen der Novemberpogrome, die kontroverse Rezeption Grynszpans in der jüdischen Community sowie der Umgang mit dem Fall im Nachkriegsdeutschland.
Grundsätzlich zugute halten muss man Fuhrer sein Anliegen, der deutschen Bevölkerung Herschel Grynszpan, an den nur ein Stolperstein in der Hannoveraner Altstadt erinnert, neuerlich ins Gedächtnis zu rufen. Dass er dabei weit übers Ziel hinausgeschossen ist, ist bedauerlich. Den Anschlag Herschels als „Beginn des Holocaust“ einzustufen (vgl. Buchtitel) bzw. zu behaupten, dass die „fünf Schüsse in Paris der Weltgeschichte einen Stoß Richtung Abgrund gaben“ ist wenig einleuchtend und zeugt von einer unkritischen Überschätzung der Relevanz des Pariser Dramas.
Rezension: Verena Mink




