Von TIM SCHRÖDER
Wer an Land als Tier dominiert, ist meist größer, schneller oder stärker. Im Meer ist das anders. Der wahre Herrscher der Ozeane ist das Phytoplankton – mikroskopisch kleine, einzellige Algen, die die Meere zu Milliarden bevölkern. Diese Mikroalgen sind die Basis allen Lebens im Meer. Wie Pflanzen an Land erzeugen sie durch die Photosynthese energiereiche Moleküle, von denen sie sich ernähren. Die Mikroalgen wachsen, teilen sich und bilden insgesamt gigantische Mengen an biologischer Masse. Vom Phytoplankton ernähren sich Kleinkrebse, Fisch- und Muschellarven, die ihrerseits von größeren Fischen gefressen werden. Ohne das Phytoplankton gäbe es kaum Leben im Meer. Tausende Tierarten sind auf Gedeih und Verderb von diesen Mikroalgen abhängig. Nichts geht ohne sie. Beeindruckend ist auch die Vielfalt des Phytoplanktons. Es gibt Tausende von Arten, und viele von ihnen sind wunderschön. Manche sind kreisrund wie ein Wagenrad, andere dünn wie ein Faden. Manche heften sich wie die Perlen einer Kette aneinander, andere gleichen einer Erdnuss oder einer Ziehharmonika. Zusammen sind sie enorm produktiv: Sie bilden nicht nur Biomasse, sondern setzen – wie die Pflanzen an Land – gigantische Mengen an Sauerstoff frei. Man schätzt, dass mehr als die Hälfte des Luftsauerstoffs vom Phytoplankton aus den Meeren stammt.
Tausende neu entdeckter Arten
Zum Plankton im Meer gehören indes nicht nur die „Phytoplankter“, sondern auch Bakterien und Viren. Hinzu kommt das Zooplankton – tierische Winzlinge, jene Kleinkrebse und jene Larven von Fischen und Muscheln, die sich vom Phytoplankton ernähren. Lange Zeit hatten Wissenschaftler keine rechte Vorstellung davon, wie viele verschiedene Plankton-Organismen eigentlich die Ozeane bevölkern. Das änderte sich, als im Jahr 2009 ein internationales Team von Biologen, Physikern und Ozeanographen mit dem Segelschiff „Tara“ zu einer vierjährigen Forschungsreise über die Weltmeere aufbrach. Das Team umrundete die Erde zweimal. Auf ihrer mehr als 150 000 Kilometer langen Route nahmen die Forscher Tausende von Wasserproben. An Hunderten von Stellen fischten sie mit feinen Netzen das Plankton aus dem Wasser – einzellige Algen, winzige Tierchen, Bakterien und Viren. Zurück an Land analysierte das Team seine Fänge. Die Ergebnisse waren atemberaubend: Bis zur Expedition der „Tara“ waren beispielsweise rund 4000 Arten planktischer Algen und 1300 Arten von Einzellern bekannt. Die Analysen der Tara Ocean Foundation zeigten jedoch, dass es in jeder dieser Gruppen jeweils drei- bis achtmal mehr Lebewesen gibt. Vor allem bei den Viren waren die Unterschiede gewaltig. Zuvor kannte man nur 39 Viren-Typen. In den Tara-Wasserproben ließen sich rund 5000 neue Viren- Typen nachweisen.
Viren als Treiber der Evolution
Diese Viren sind –anders als Grippe- oder Corona-Viren – keine Bedrohung für Tiere oder badende Menschen. Doch wer glaubt, dass sie im Meer eher eine Nebensache seien, der irrt. Sie überfallen vor allem Bakterien. Man schätzt, dass in jeder Sekunde in den Ozeanen Trilliarden von Bakterieneinzellern von Viren infiziert werden. Sterben die Bakterien, platzen sie auf und entlassen Tausende neuer Viren, sogenannter Phagen, ins Wasser. Dieses ständige Infizieren, Töten und Freisetzen von Viren klingt verheerend, scheint aber ein wichtiger Motor des Lebens zu sein: Immer, wenn ein Virus sein Erbgut in einen Mikroorganismus einschleust, können sich Viren- und Bakteriengene vermischen – und damit die Evolution vorantreiben. Wissenschaftler vermuten heute, dass das Leben, wie wir es kennen, ohne die Viren möglicherweise gar nicht existieren würde.





