Der Hof war im Ancien régime die wichtigste Clearingstelle für alle erdenklichen politischen Entscheidungen. Das wird schnell deutlich, wenn man nach den anderen Institutionen fragt, die damals in Frankreich „Politik machen“ konnten: Der König als Zentrum des politischen Systems war keineswegs so unangefochten, wie es die Ikonographie des Sonnenkönigs vorspiegelt. Vielmehr sind diese eindrucksvollen Bilder der Versuch, die bestehende institutionelle Schwäche zu überspielen: Für die Steuereintreibung waren Pächter zuständig, die sehr darauf achteten, daß möglichst viel vom Steuerertrag in ihre eigenen Taschen floß. Diese Abhängigkeit verschärfte sich nach dem Tod Ludwigs XIV., als der Staatsbankrott 1715 offensichtlich wurde. Vorschüsse und Kredite gaben die Pächter nur gegen hohe Zinsen – ein deutliches Zeichen dafür, daß der Kapitalmarkt in Frankreich noch weniger gut organisiert war als in Großbritannien, und eine Belastung während der gesamten Regierungszeit Ludwigs XV.
Für die fast ständige Kriegführung mußten adelige Offiziere gewonnen werden, die ihr Kommando ebenfalls als lukrative Chance wahrnahmen, sich auf Kosten der Soldaten und der Monarchie zu bereichern: Truppenstärken ließen sich auf dem Papier gut manipulieren, Beschaffungsaufträge mit hohen Schmiergeldern vergeben. Weite Bereiche der Staatstätigkeit wurden also durch Dritte erledigt, und die betroffene Bevölkerung kam nie in direkten Kontakt mit dem Souverän. Für die vor Ort präsenten Adeligen ergaben sich daraus glänzende Möglichkeiten zur Klientelbildung. Diese Machtbasis war für den Herrscher nur mobilisierbar, wenn er die Interessen des zweiten Standes beachtete.
Auch eine Zentralbürokratie befand sich erst im Aufbau; vorrangig koordinierte sie die Außenpolitik. Auch dazu mußte adeliges Personal angeworben werden, denn eine Diplomatenlaufbahn gab es nicht. An der Spitze der Verwaltungen standen die Staatssekretäre bzw. Minister oder Premierminister, die oft dem Amtsadel entstammten. Den Behörden oblag die Gesetzgebung, deren Umsetzung mußte jedoch in der Provinz sichergestellt werden. Dort hatten die regionalen königlichen Gerichtshöfe, die Parlements (nicht zu verwechseln mit den späteren Parlamenten), neben der Rechtsprechung weitgehende Verwaltungsbefugnisse. Häufig kam es zu Kompetenzstreitigkeiten mit den regionalen Finanzgerichtshöfen, mit örtlichen Adeligen, der Kirche oder Städten. Der Normalfall der Zeit waren ja Privilegien, die Einzelpersonen (besonders aus den oberen Ständen), Städte und Klöster für sich beanspruchten. Dabei verwies man stolz auf altes Herkommen. Jede politische oder gesetzliche Initiative des Königs rieb sich an diesen Gegebenheiten und konnte sich nur langsam und oft nur teilweise durchsetzen. Ein vom Souverän gesetztes einheitliches und für alle gleiches Recht als Ausfluß eines politischen Willens ist demgegenüber erst ein nachrevolutionäres Phänomen…
Die Machtbasis des Staates
Das Königreich Frankreich war im 18. Jahrhundert mit 20 Millionen Menschen der bei weitem bevölkerungsreichste Staat Europas. Das Heilige Römische Reich wirkt zwar auf Landkarten größer, seine Bevölkerung war aber auf viele Territorien zersplittert, die fast nie die gleichen Interessen verfolgten. Selbst in den Ländern der Habsburgermonarchie, dem bedeutendsten Reichsteil, lebten nur etwa acht Millionen Menschen. Im Vereinigten Königreich (Großbritannien) waren es fünf bis sechs, in der spanischen Monarchie zwischen sechs und acht Millionen. Obwohl die Bevölkerung in anderen Ländern schneller wuchs, blieb der Vorsprung Frankreichs erheblich. Eine große Bevölkerung war die eigentliche Machtbasis der Staaten des 18. Jahrhunderts. Da die Produktivität der noch weitgehend agrarisch geprägten Wirtschaft in etwa vergleichbar war, hing die Höhe der Überschüsse, die ein König verteilen konnte, vor allem von der Anzahl der „Untertanen“ ab. Diese war zudem entscheidend für das durch Rekrutierungen zu mobilisierende Militärpotential. Frankreichs Machtstellung ergab sich aber auch durch die geographische Position des Landes mit Zugängen zu Mittelmeer und Nordsee, der Kontrolle über die beiden wichtigsten Nord-Süd-Achsen, Rhône-Tal und (zumindest teilweise) Rheingraben. So konnte es Druck auf die habsburgischen Verbindungswege nach Flandern und auf den schwachen Nachbarn im Osten, das Reich, ausüben, während es sich in Übersee mit den aufsteigenden Briten um die Vorherrschaft stritt.




