In der antiken Welt hatten die Kelten einen schlechten Ruf. Im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. litt die Mittelmeerwelt sehr unter ihren von Westeuropa ausgehenden Wanderzügen. Plündernd zogen sie auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten nach Süden und Osten. Schon die Griechen vermuteten, eine akute Überbevölkerung habe die Völkerlawine ausgelöst. Vermutlich entzog eine massive Klimaverschlechterung vielen Bauern die Existenzgrundlage. Die antiken Autoren berichten vom dramatischen Schicksal der Ausgewanderten. An den Lebensumständen derer, die zurückblieben, änderte sich dagegen erstaunlicherweise – so der Befund der Archäologen – wenig. Der Auszug der überschüssigen Bevölkerung entschärfte die kritische Lage offenbar rasch, und schon bald gab es wieder stabile Verhältnisse.
Obwohl anzunehmen ist, dass ein gewisser Kontakt mit den Abgewanderten aufrechterhalten wurde, sind kaum unmittelbare Rückwirkungen der intensiven Begegnung der Kelten mit den „zivilisierten“ Völkern am Mittelmeer zu erkennen. Siedlungswesen, Grabsitten und bäuerliche Wirtschaftsweise folgten bis in das 3. Jahrhundert v. Chr. ausgesprochen langlebigen Traditionen, die oft weit in die Urgeschichte zurückverfolgt werden können. Es gibt Einzelgehöfte und kleine Weiler, größere Siedlungen sind im 4. Jahrhundert v. Chr., von wenigen Ausnahmen abgesehen, offenbar unbekannt.
Einige Anzeichen sprechen dafür, dass die großen Volksgruppen, die wir später in der Zeit des gallischen Krieges antreffen, bereits in dieser Zeit bestanden. An der Spitze der Stammesgemeinden standen Könige. Die oft reichausgestatteten Gräber zeugen von einer selbstbewussten Adelsschicht, deren Ansprüche jedoch von mächtigen Volksversammlungen, die eng mit dem Königtum verbunden waren, begrenzt wurden.
Umso erstaunlicher sind die Veränderungen, die um 300 v. Chr. einsetzten und bis zur römischen Eroberung anhielten. Zu den auffallendsten Neuerungen gehören die für prähistorische Verhältnisse riesigen Befestigungsanlagen, die oft kilometerweit die Landschaft durchziehen. Ihre Bauweise ist aber geradezu archaisch: Massive Holzgerüste werden mit Steinen aufgefüllt und dann mit Erde bedeckt. Mit der Zeit verbindet man die Holzbalken stabil mit massiven Eisennägeln und verkleidet den Erdwall an der Außenseite mit aufgeschichteten Steinen, vielleicht um den Eindruck einer echten Stadtmauer zu erwecken. Murus gallicus (gallischer Wall) nennt Caesar diese Bauweise. Flächenmäßig erreichten die Befestigungen zuweilen die Ausmaße antiker oder mittelalterlicher Städte. Allerdings waren die Anlagen oft nur teilweise oder gar nicht besiedelt, sondern dienten vielmehr als Fluchtburgen oder als Platz für politische und religiöse Zusammenkünfte.
In anderen Fällen entwickelten sich innerhalb der Wälle aber auch große Siedlungen mit Hunderten, gelegentlich sogar Tausenden von Einwohnern. Die Archäologen bezeichnen diese befestigten Großsiedlungen als oppida. Lange Zeit galten sie als keltische Städte: als soziale und wirtschaftliche Zentren, zu denen ein bäuerliches Hinterland gehörte. Dieses Modell ist aber wohl allzu schematisch vom mediterranen Städte-wesen übernommen worden. In den keltischen Siedlungen sucht man meist vergebens nach öffentlichen Gebäuden, organisierten Märkten und öffentlicher Wasserversorgung, die für jedes Mittelmeerstädtchen selbstverständlich waren. Auch in den am weitesten entwickelten oppida wie Manching an der Donau nehmen traditionelle bäuerliche Gehöfte große Teile des Siedlungsareals ein.




