Schon die Suche nach dem Geburtsort Diamanskis bereitete große Schwierigkeiten. Nach einer Kindheit in Danzig führten diesen Abenteuerlust und wohl auch Mangel an Alternativen auf die großen Überseeschiffe im Hafen. Mit 14 heuerte er als Schiffsjunge an, um einige Jahre in den USA zu verbringen. Nach seiner Rückkehr schloss er sich der Kommunistischen Partei Danzigs an, kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg, geriet bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Gefangenschaft und überlebte die Lager Buchenwald und Auschwitz. Mit seinem Mut rettete er als Lagerältester vielen Mithäftlingen das Leben. Im Chaos Nachkriegsdeutschlands suchte er lange nach seinem Platz, heiratete mehrmals, und fasste schließlich in der sowjetischen Besatzungszone Fuß. Seine Begeisterung für die klassenlose Gesellschaft wurde allerdings bald ernüchtert. Bereits 1953 floh er in die BRD. Wieder folgte der nunmehr mittellose Diamanski seinem Abenteuergeist und wurde, allerdings nur kurz, Informant des US-Geheimdienstes.
Haumann hat eine Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt, dessen Lebensstationen den Leser in Erstaunen versetzen. Anders als der fiktive Allan Karlsson aus dem schwedischen Erfolgsroman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson, durchlebte und durchlitt Hermann Diamanski die ideologischen Zerreißproben Europas ganz real. Daran knüpft Haumann Fragen des historischen Umgangs mit Erinnerungen von Zeitzeugen, der „oral history“. Wie beeinflussen sich individuelles und kollektives Gedächtnis? Muss und kann sich Geschichtswissenschaft davon unabhängig machen? Immer wieder stößt Haumann an Grenzen des Nachvollziehbaren, die ihm die Erinnerungen des Protagonisten setzen. Um sie dennoch zu überwinden, zieht er Betrachtungen zur Zeitgeschichte und den Personen heran, die Diamanskis Lebensweg kreuzten. Die Entscheidung, den Leser daran detailliert teilhaben zu lassen, ist verdienstvoll, da sie Raum für Zweifel offen hält, statt vermeintliche Sicherheit anzubieten.
Rezension: Ulrike Schröder




