Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist hoch infektiös und da es sich um ein neues Virus handelt, gegen das noch keine ausreichende Grundimmunität besteht, breitet es sich rasch aus. Um die Übertragung einzudämmen, haben viele Länder weitreichende Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens beschlossen. Als Alternative zu solchen Maßnahmen sehen manche sogenannte Herdenimmunitätsansätze. Die Idee dahinter: Wenn sich das Virus in weiten Teilen der Bevölkerung verbreitet und lediglich Risikogruppen vor einer Ansteckung geschützt werden, würden innerhalb kurzer Zeit viele Menschen immun gegen das Virus. Durch die Herdenimmunität könnte sich das Virus nicht weiter ausbreiten, wodurch auch nicht immune Risikogruppen geschützt wären, argumentieren Befürworter.
Warnung vor unkontrollierter Verbreitung
„Das ist ein gefährlicher Trugschluss, der nicht durch die wissenschaftliche Evidenz gestützt wird“, warnen nun 80 internationale Experten in einem offenen Brief, den sie im Fachmagazin The Lancet sowie auf einer eigens dafür eingerichteten Website veröffentlicht haben. Die Autoren haben Expertise in Bereichen wie Epidemiologie, Virologie, Infektionsmedizin, Psychologie, Soziologie, Gesundheitspolitik und mathematische Modellierung. Ihre Stellungnahme bezeichnen sie als John Snow Memorandum, zu Ehren des britischen Mediziners John Snow (1813-1858), einem Pionier der Epidemiologie. Die Autoren erkennen an, dass die anhaltenden Beschränkungen verständlicherweise zu einer weit verbreiteten Demoralisierung und einem schwindenden Vertrauen in der Öffentlichkeit geführt haben und daher das Interesse an Herdenimmunitätsansätzen zunimmt.
„Eine unkontrollierte Verbreitung des Virus unter jungen Menschen birgt jedoch das Risiko einer deutlich erhöhten Krankheitslast und Sterblichkeit in der gesamten Bevölkerung“, warnen die Wissenschaftler. Wie Beweise aus verschiedenen Ländern zeigen, sei es praktisch nicht möglich, unkontrollierte Ausbrüche auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zu begrenzen. Abgesehen davon sei es in hohem Maße unethisch, die Risikogruppen und damit große Teile der Gesellschaft – die Autoren gehen von rund jedem Dritten aus – über lange Zeit zu isolieren. Bestehende Ungleichheiten würden so noch stärker verschärft als es durch die Pandemie ohnehin schon der Fall ist. Außerdem würden die Gesundheitssysteme überlastet, was sowohl zu Lasten der Beschäftigten ginge, als auch die akute und routinemäßige Versorgung anderer Erkrankter gefährden würde.
Wiederholte Ausbrüche durch abnehmende Immunität möglich
Überdies sei noch nicht geklärt, wie wirksam und wie lange eine überstandene Covid-19-Erkrankung überhaupt vor einer Neuinfektion schützt. Nimmt die Immunität mit der Zeit wieder ab, kann es über Jahre hinweg immer wieder zu neuen Ausbrüchen kommen. Die Pandemie wäre somit nicht beendet und gerade Risikogruppen wären auf unbestimmte Zeit einer erheblichen Gefahr ausgesetzt. „Spezielle Bemühungen, die besonders Gefährdeten zu schützen, sind wichtig, aber sie müssen Hand in Hand gehen mit Strategien, die auf der Bevölkerungsebene ansetzen“, so die Forscher.





