Aids
Normalerweise ist es für Patienten, die mit dem Aids-Virus HIV infiziert sind, gefährlich, wenn sie noch ein zweites Virus angreift. „Als 1995 berichtet wurde, dass man bei HIV-Infizierten ein neues Hepatitis-Virus entdeckt hat, haben wir darum bei unseren Patienten nach diesem Virus gesucht und geschaut, wie es die Krankheit beeinflusst. Aber es trat genau das Gegenteil von dem ein, was wir erwartet hatten: Die Patienten mit dem neuen Virus entwickelten Aids signifikant später.” Diese Entdeckung inspirierte Hans Ludger Tillmann von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zu weiteren Forschungen nach einem neuen Aids-Mittel. Trotz skeptischer Kollegen blieb er am Ball: Inzwischen bekam er für seine Arbeit zwei bedeutende deutsche Medizinpreise verliehen.
Das Virus, ursprünglich Hepatitis-G-Virus getauft, erhielt mittlerweile den Namen GB-Virus-C, nach den Initialen des Patienten, aus dem es erstmals isoliert worden war. Etwa ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung sind damit infiziert. So weit man bisher weiß, löst das Virus keine Krankheit aus. Übertragen wird es vermutlich wie HIV: über sexuelle Kontakte, verunreinigte Injektionsnadeln oder Bluttransfusionen.
Als die Hannoveraner Forscher 197 HIV-Patienten auf GB-Virus-C untersuchten, fanden sie bei 52 Studienteilnehmern kein Virus und bei 112 nur Antikörper-Spuren gegen den Erreger, die auf eine frühere Infektion deuteten. Bei 33 HIV-Infizierten fanden die Forscher aktive Viren im Blut. Von diesen Patienten sind bis heute lediglich 4 gestorben – rund 12 Prozent. Bei den anderen beiden Gruppen ist das anders: 47 Prozent der Patienten mit einer früheren GB-C-Infektion und 58 Prozent derer ohne jeglichen Kontakt mit dem Virus sind gestorben. „Bisher können wir nicht sagen, wie GB-Virus-C den Ausbruch von Aids verzögert, aber es scheint irgendwie die Vermehrung von HIV-Viren zu behindern”, sagt Tillmann. Die Fakten:
• Je mehr GB-Virus-C im Blut der Patienten nachweisbar ist, desto niedriger liegt der HIV-Titer.
• Wird die Vermehrung des HIV-Virus durch Aids-Medikamente gebremst, steigt die Menge an GB-Virus-C an.
Diese Befunde könnten bedeuten, dass beide Viren für ihre Vermehrung auf die gleichen Moleküle im Körper angewiesen sind und sich diese gegenseitig streitig machen. Aber bisher ist noch nicht sicher, ob HIV und GB-Virus-C dieselben Zellen befallen.
Daher interpretieren Tillmann und seine Kollegen ihre Ergebnisse noch zurückhaltend. Für einen Einsatz von GB-Virus-C als HIV-Impfstoff sehen die Experten noch keine Grundlage. Denn Spätfolgen einer Infektion sind nicht sicher auszuschließen, und es gibt immer noch die Möglichkeit, dass zwischen GB-Virus-C und der guten Überlebensrate bei HIV-Patienten doch nur ein zufälliger Zusammenhang besteht.
Allerdings sind weltweit mittlerweile fünf unabhängige Arbeitsgruppen zu ähnlich positiven Ergebnissen gekommen wie die Hannoveraner. Zur endgültigen Klärung führen die Mediziner der MHH jetzt Zellkulturversuche durch. Damit wollen sie herausfinden, mit welchen biochemischen Tricks sich die Viren gegenseitig beeinflussen.
Ulrich Fricke





