Vor wenigen Monaten sind sie mit Vorschußlorbeeren gestartet – die Abspeckpillen der neuen Generation. Doch sind Xenical und Co tatsächlich die Diätmittel des dritten Jahrtausends? Können wir nun an den Weihnachtsfeiertagen auf das lästige Kalorienzählen verzichten und hemmungslos schlemmen? Eine Bilanz der ersten Erfahrungen verpaßt solchen Hoffnungen einen Dämpfer. Wirtschaftlich ist Xenical zwar ein voller Erfolg. Weltweit haben bisher mehr als drei Millionen Anwender den Fettblocker geschluckt und die optimistischen Erwartungen des Herstellers Hoffmann-La-Roche noch übertroffen. Das verschreibungspflichtige Mittel mit dem Wirkstoff Orlistat hemmt im Darm ein Enzym, das für die Fettaufnahme wichtig ist. Das Resultat: Ein Drittel des Nahrungsfetts wird unverdaut ausgeschieden, ohne das Kalorienkonto zu belasten. Aber Andrea Dittrich vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam schränkt ein: „Wer sich von Kleidergröße 38 auf 36 herunterhungern will, für den ist das nichts.” Der Fettblocker ist nur für Patienten bestimmt, die an einer krankhaften Fettsucht leiden. Sie beginnt ab einem sogenannten Body-Mass-Index von 30 – das entspricht bei 1,80 Meter Körpergröße einem Gewicht von 100 Kilo (Berechnungsformel siehe Grafik rechts). Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung warnt vor den Nebenwirkungen: Blähungen und fettige Durchfälle. Nicht aus der Welt ist auch die Befürchtung, daß Xenical die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D und E behindern und so zu Mangelerscheinungen führen kann. Xenical-Patienten specken innerhalb eines Jahres etwa zehn Prozent ihres Gewichts ab. Allerdings nur, wenn sie gleichzeitig ihre Ernährung umstellen und zusätzlich Sport treiben – mäßig, aber regelmäßig. Prof. Alfred Wirth, Adipositas-Experte aus Bad Rothenfelde, schätzt den allein auf Xenical zurückgehenden Gewichtsverlust auf nur drei bis vier Kilogramm. Kaum höher, so Wirth, ist der Beitrag der zweiten Gewichtsbremse, des Mittels Reductil von der BASF-Tochter Knoll. Reductil ist ein Appetitzügler, der im Gehirn den Stoffwechsel der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin beeinflußt und ein Gefühl der Sättigung hervorruft. Bisher sind damit weltweit etwa eine Million Menschen behandelt worden. Reductil wird ebenfalls nur extrem Übergewichtigen verschrieben. Ein spezielles Ernährungs- und Bewegungsprogramm ist auch hier nötig. Die auf den ersten Blick bescheidenen Erfolge der neuen Mittel können dennoch für die Patienten viel bedeuten. Wenige Kilo weniger lassen Blutfettwerte und Blutdruck sinken – und damit das Risiko für einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder einen Diabetes. Vier Kilo Gewichtsverlust dank Xenical verringern den Blutdruck genauso stark wie blutdrucksenkende Medikamente.
Dr. Ulrich Fricke





