DAMALS: Schmerzt es den Historiker, dass Heinrich VIII. meistens auf seine Frauen reduziert wird?
Benedikt Stuchtey: In gewisser Weise ja. Seine Herrschaft ist eine Epoche von zentraler Bedeutung für das Land. Natürlich bestimmten seine Haltung zu Frauen, der dringende Wunsch nach einem männlichen Nachfolger und auch die große Gewaltbereitschaft, um seine Ziele durchzusetzen, einerseits das Bild Heinrichs. Aber unter seiner Herrschaft wurde England andererseits deutlich stärker zentralisiert, entwickelte sich eine systematische Bürokratie, wurden das Finanzwesen und die Steuererhebung vorangetrieben und modernisiert. Und natürlich markierte Heinrichs Regierungszeit den Beginn der Reformation. Wenn er also auf eine Aufzählung seiner Frauen reduziert wird, ist das zu wenig.
DAMALS: Der Bruch Heinrichs mit Rom und damit der Beginn der Reformation in England gelten allgemein als Heinrichs wichtigste Hinterlassenschaften. Wie hat sich das konkret ausgewirkt?
Stuchtey: Zunächst einmal ist die Reformation unter Heinrich auf halbem Weg stecken geblieben, mit beachtlichen regionalen Unterschieden in Dauer und Intensität der religiösen Reformen. Zwar errichtet Heinrich eine Staatskirche, deren Oberhaupt er ist, aber er selbst ist niemals konvertiert und bis zu seinem Tod katholisch geblieben. Erst seine Tochter Elisabeth treibt die Reformation entschieden voran. Unter Heinrichs Herrschaft sind nach dem Bruch mit Rom dennoch die Mehrheit der Abweichler verfolgt worden, darunter die radikalen Protestanten, die Puritaner, denen Heinrichs reformatorischer Eifer nicht weit genug ging. Weil sie in England nicht ihre Glaubensweise praktizieren können, wandern viele von ihnen später nach Amerika aus, zum Beispiel die „Pilgrims“, die 1620 mit der „Mayflower“ von Plymouth nach Virginia aufbrechen. Insofern führen die Veränderungen unter Heinrich VIII. auf lange Sicht dazu, dass England neben der europäischen eine atlantische Perspektive entwickelt.
DAMALS: Der Bruch mit dem Papst ist auch ein Bruch mit Europa?
Stuchtey: Zumindest ändert sich unter Heinrich VIII. der Blickwinkel auf Europa. Heinrich hat sich ja intensiv mit seinen kontinentalen Machtkonkurrenten Frankreich und Habsburg beschäftigt. So verfolgte er starke machtpolitische Interessen in Nordfrankreich. Als er 1534 endgültig mit Rom bricht, gibt es nirgendwo anders in Europa eine Entsprechung dieser Verhaltensweise. Alle anderen Herrscher haben immer noch den Papst als Gegenüber, als wichtigen Referenzpunkt. Nun etabliert sich eine kompliziertere Beziehung Englands zum kontinentalen Europa, das vor-reformatorische England war stärker in Europa integriert.




