Lange blieb Heinrich der Löwe ein bevorzugtes Thema der deutschen Nationalgeschichtsschreibung. In einem schlanken Taschenbuch präsentierte Joachim Ehlers ihn dagegen 1997 als europäischen Fürsten. Diese neue Sicht gipfelt nun in einer großen Biographie von nahezu 500 Seiten, die sich durch weite Perspektiven und einen glänzenden Stil auszeichnet. Nicht moderne Interpretationen von Politik oder Staat lenken dem Autor die Feder, sondern der konsequente Versuch, die Andersartigkeit des 12. Jahrhunderts aus zeitgenössischen Deutungs- und Handlungsmustern zu ermitteln. So bändigt er überzeugend die Vielfalt des Löwenlebens.
Mit umfassender Quellenkenntnis bezieht Ehlers wiederholt Position gegen Versuche, die mittelalterliche Faktengeschichte in bloßen Gedächtniskonstrukten zerrinnen zu lassen. Darum verwirft er neueste Überlegungen, welche die berühmte Begegnung Barbarossas und Heinrichs des Löwen in Chiavenna als Geschichtserfindung zur episodischen Erklärung einer Männerfeindschaft begreifen wollen. Das Treffen von Kaiser und Herzog vor der vernichtenden Niederlage des Staufers gegen die oberitalienischen Städte hat in diesem Buch Bestand. Es bezieht auch in vielen anderen Forschungskontroversen klare Positionen, vom umstrittenen Geburtsjahr des Löwen (1133/1135) bis zur Datierung seines Braunschweiger Grabmals (spätestens 1210). Darum nimmt man diese große Biographie als gelungenes historisches Lesebuch wie als kenntnisreichen Forschungsbeitrag gleichermaßen gern zur Hand.
Rezension: Schneidmüller, Bernd




