Ob ein kleiner Kratzer oder eine größere Operationswunde: Wird unser Körper verletzt, setzt bereits nach wenigen Minuten ein erstaunlicher Vorgang ein. Ein Reparaturtrupp aus unterschiedlichen Zellen wandert in das Gewebe ein und sorgt dafür, dass sich die verletzten Bereiche langsam wieder verschließen – die Wunde heilt. Besonders gut funktioniert dieser Prozess im Mund. Offene Stellen verheilen dort so schnell und so gut, dass Wissenschaftler den Mund als Idealtypus der Wundheilung betrachten. Im Gegensatz dazu verschließen sich Wunden auf der Haut manchmal nur sehr langsam oder bilden unschönes Narbengewebe statt makellosen Ersatz. Was also verleiht der Mundschleimhaut diese außergewöhnliche Regenerationsfähigkeit?
Verletzen für die Wissenschaft

Um dieses Rätsel zu lösen, haben sich Forscher um Ramiro Iglesias-Bartolome vom National Institute of Arthritis and Musculoskeletal and Skin Diseases in Bethesda beide Vorgänge genauer angesehen. Sie wollten wissen: Wie unterscheidet sich die Wundheilung im Mund von der auf der Haut? Dafür rekrutierten sie 30 gesunde Freiwillige und fügten ihnen kleine Wunden im Mund und am Arm zu. Im Laufe der nächsten sechs Tage beobachteten sie dann, was mit den Wunden passierte und nahmen zu unterschiedlichen Zeitpunkten Gewebeproben von den entsprechenden Stellen. Wie erwartet zeigte sich: Die oralen Wunden heilten im Vergleich deutlich schneller. Bereits nach drei Tagen hatte sich das Plattenepithel der Schleimhaut nahezu vollständig erneuert, wohingegen die Hautwunden selbst nach sechs Tagen noch deutlich sichtbar waren.
RNA- und Molekularanalysen der Gewebeproben offenbarten schließlich den Grund dafür. Demnach zeigten die Zellen im Mund andere Genexpressionsmuster als jene aus der Haut. Wie die Forscher feststellten, wurden in der Schleimhaut vermehrt die Transkriptionsfaktoren SOX2, PITX1 und PITX2 exprimiert. Solche DNA-bindenden Proteine können beeinflussen, ob und wie stark bestimmte Gene abgelesen werden. Diese Hochregulierung führte im Mund der Probanden unter anderem dazu, dass die Keratin-bildenden Keratinozyten im Gewebe aktiver waren, antimikrobielle Abwehrmechanismen angekurbelt wurden und die Wunde im Endeffekt schneller heilte. Dabei ähnelte das Transkriptionsprofil im Mund interessanterweise jenem in der Haut von Schuppenflechte-Patienten, wie Iglesias-Bartolome und seine Kollegen berichten. Bei Betroffenen dieser Hautkrankheit kommt es zu einer Art überschießenden Wundheilung.





