Im Sommer 1542 stieß der spani-sche Konquistador Francisco de Orellana bei seiner Suche nach dem „Goldland“ El Dorado im heutigen Brasilien auf heftigen Widerstand der indigenen Bevölkerung. Den (vermeintlichen) Grund für diese unerwartete Gegenwehr hielt der Dominikanerpater Gaspar de Carvajal in seinem Bericht über die Expedition fest: „Man muss wissen, dass diese Indios Untertanen und Tributpflich‧tige der Amazonen sind. Als die Indios von unserer Ankunft erfuhren, baten sie diese um Hilfe, und es kamen zehn oder zwölf [Amazonen] …, die in vorderster Linie kämpften, wie ihre Hauptleute, und sie kämpften so beherzt, dass die Indios es nicht wagten, ihnen den Rücken zuzuwenden. Und diejenigen, die [trotzdem] umkehrten, töteten sie vor unseren Augen. Das ist der Grund, warum sich diese Indios so heftig wehrten.“ Und damit niemand an seiner Darstellung zweifeln sollte, schilderte der Chronist sogar das Aussehen der Amazonen: „Diese Frauen sind sehr groß und hellhäutig. Ihre langen Haare haben sie um den Kopf geflochten. Sie sind sehr muskulös und bis auf die Scham splitternackt. Mit ihren Pfeilen und Bogen kämpfen sie wie zehn Indios …“ Erst nachdem es den Spaniern gelungen sei, sieben oder acht der Amazonen zu töten, hätten sich die Indios denn doch ergeben.
Ob Gaspar de Carvajal tatsächlich meinte, kämpfende Frauen gesehen zu haben, oder ob er nur eine Begründung für die Schwierigkeiten der Spanier finden wollte, sei dahingestellt. Jedenfalls soll auf diese Begegnung die Benennung des Flusses zurückgehen, an dessen Ufer die Kämpfe stattgefunden haben: des Amazonas. Interessant ist, wie nah Gaspar de Carvajal in seiner Beschreibung am antiken Bild der Amazonen ist, das ihm als gelehrtem Dominikaner ganz offensichtlich bekannt gewesen ist. Man könnte meinen, er habe sich die griechische Legende als direktes Vorbild genommen.
Anders als Gaspar de Carvajal dürfte Jeanne d’Arc kaum Kenntnis von jenen Frauen gehabt haben, in deren Nachfolge sie häufig gestellt wurde und wird. Wobei die Parallelität vor allem in der unerschrocken kämpfenden Heroine zu sehen ist, denn Jeanne d’Arc endet zwar auf dem Scheiterhaufen (unterliegt also vordergründig wie ihre antiken Vorläuferinnen), aber Frankreich hat ihr in patriotischer Lesart seine Freiheit zu verdanken, und mit ihrer Heiligsprechung triumphiert sie am Ende doch über alle Gegner.
Als kämpfende Frau ist Jeanne d’Arc im europäischen Mittelalter eine absolute Ausnahmegestalt. Zwar hat etwa die heilige Katharina von Alexandrien als Attribut unter anderem das Schwert und wurde als Schlachtenlenkerin verehrt, doch ist sie als den Opfertod sterbende Märtyrerin eigentlich das Gegenteil einer Amazone.
Anders sah dies zumindest zeit‧weise in der Französischen Revolution aus. Zwar wurden die Hoffnungen auf eine allgemeine Stärkung der Frauenrechte, wie sie in der „Erklärung der Rechte der Frau und Bür‧gerin“ von Olympe de Gouges zum Ausdruck gekommen waren, durch ein am 8. November 1793 erlassenes Gesetz gedämpft, das Frauen jegliche politische Betätigung verbot. Doch hatten die Vorkämpferinnen eines egalitären Geschlechterkonzepts zu diesem Zeitpunkt bereits vernehmlich ihre Forderungen aufgestellt. Zu ihnen gehörte etwa Thérigne de Méricourt (siehe DAMALS 11-2003), die im August 1792 bewaffnet am Sturm auf die Tuilerien beteiligt gewesen und dafür mit der „Bürgerkrone“ ausgezeichnet worden war. Zur Gleichberechtigung der Frauen gehörte für Thérigne de Méricourt auch das Recht, Waffen zu tragen. Ihre Geschlechtsgenossinnen forderte sie auf: „Lasst uns zu den Waffen greifen! Wir haben dazu das Recht, von Natur aus und sogar vor dem Gesetz; lasst uns den Männern zeigen, dass wir ihnen weder an Mut noch an Tugend unterlegen sind.“ In der Folge wurde die Revolutionärin von den Royalisten als „revolutionäres Flintenweib“ verhöhnt, doch auch in den Reihen der Revolutionäre regte sich Widerstand. Die Tätigkeiten von Frauen, warnte André Amar, Mitglied des einflussreichen Sicherheitsausschusses, müssten auf einen Kreis beschränkt werden, den sie nicht überschreiten dürften, „weil die Natur selbst diese Grenzen gesteckt hat“. Unter diesen Vorzeichen war an ein „Amazonencorps“, wie es Thérigne de Méricourt vorgeschwebt hatte, nicht mehr zu denken.





