Seit wenigen Monaten herrscht im deutschen Strommarkt echter Wettbewerb unter den Versorgungsunternehmen, und schon registrieren die Kunden fallende Strompreise. Das ist die positive Seite dieser Entwicklung. Andererseits befürchten viele, daß die umweltfreundliche Stromerzeugung ins Hintertreffen gerät. Solange die Elektrizitätsunternehmen Monopolanbieter waren, konnte sie der Staat verpflichten, regenerativ erzeugten Strom in ihr Netz aufzunehmen und mit einem weit über dem Marktwert liegenden Preis zu vergüten. Die dadurch entstehenden Belastungen wurden auf die Stromverbraucher abgewälzt.
Durch die großzügige Förderung ist aus Deutschland das weltgrößte Windstromerzeugerland geworden. In der Bundesrepublik hatten deshalb die norddeutschen Stromverbraucher den größten Teil solcher Belastungen zu tragen. Allein 1998 beliefen sie sich auf eine halbe Milliarde Mark. Angesichts des Wettbewerbs lassen sich regionale Sonderlasten aber nicht mehr auf die Stromerzeuger abwälzen.
Quote für grünen Strom Um der regenerativen Stromerzeugung auch künftig eine Chance zu geben, müssen neue Finanzierungsmodelle wie Quotenregelung mit Zertifikatshandel eingeführt werden. Die Stromverbraucher werden dabei verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz – beispielsweise zehn Prozent – ihres Stromverbrauchs durch Regenerativstrom zu decken. Die Quote wird durch direkten Bezug grünen Stroms erfüllt oder durch Kauf von Zertifikaten, über die grüne Stromerzeugung anderswo finanziert wird. Mit dem organisatorischen Ablauf hat der Stromverbraucher in der Regel nichts zu tun. Diese Serviceleistung werden Stromhandelsfirmen übernehmen. Sie beschaffen sich grünen Strom oder die entsprechenden Zertifikate und verrechnen die Mehrkosten über ihren Strompreis. Erzeuger grünen Stroms vermarkten ihr Produkt in Konkurrenz zu allen anderen Stromangeboten. Für die am Markt verkaufte Menge grünen Stroms erhalten sie entsprechend Zertifikate und aus deren Verkauf eine zweite Einkommensquelle neben dem Stromverkauf. Da nicht alle regenerativen Stromerzeugungstechnologien die Umwelt gleichermaßen entlasten (Windkraft ist nahezu CO2-frei, Biomasse nur CO2-neutral), erhält dieselbe Stromerzeugungsmenge je nach Erzeugungstechnologie unterschiedlich viele Zertifikate. Wer aus Biomasse Strom erzeugt, erhält pro Kilowattstunde beispielsweise eine Zertifikatseinheit, während ein Windstromerzeuger nur 1,3 Zertifikatseinheiten erhält. Weiterhin sollte nur jene Stromerzeugung zertifiziert werden, die nicht bereits wirtschaftlich ist: Bestehende Wasserkraftwerke, die in Deutschland den größten Teil der regenerativen Stromerzeugung ausmachen, sollten also von dem Zertifizierungsmodell ausgenommen werden.
Ökostrom dort erzeugen, wo er kostengünstig ist Neben dem Strommarkt bildet sich ein Zertifikatsmarkt, auf dem die Erzeuger von regenerativem Strom als Anbieter und die Stromverbraucher beziehungsweise deren Stromhändler als Nachfrager auftreten. Die Zertifikatsbörse ermittelt – wie eine Aktienbörse oder Strombörse – laufend einen “markträumenden” Preis. Der Zertifikatspreis wird sich auf einem Niveau einspielen, bei dem soviel grüner Strom erzeugt wird und daraus Zertifikate angeboten werden, daß die Quotenverpflichtung – beispielsweise zehn Prozent des Stromverbrauchs – damit erfüllt werden kann. Je teurer die grüne Stromerzeugung und je höher die Quotenverpflichtung, desto höher der Marktpreis für Zertifikate. Deshalb sollte ein solcher Zertifikatsmarkt auf die gesamte EU ausgedehnt werden. Nur so werden wirklich kostengünstige regenerative Quellen zur Quotendeckung herangezogen: Deutsche Stromverbraucher können ihre Quotenverpflichtung erfüllen, indem sie dänischen Offshore-Windstrom oder andalusische Sonnenenergie durch Zertifikatskauf unterstützen. Dazu braucht der Strom nicht – unter großen Verlusten – nach Deutschland transportiert zu werden. Beim internationalen Zertifikatshandel geht es vielmehr um finanzielle Transaktionen: Verbraucher in Gebieten mit hohem Stromverbrauch und geringem regenerativem Erzeugungspotential finanzieren Bau und Betrieb regenerativer Stromerzeugungsanlagen an den günstigsten europäischen Standorten, wo der Strom dann auch verbraucht wird. Nutzung regenerativer Energien heißt nicht Rückzug auf heimische, lokale Quellen, sondern wird wirtschaftlich um so schneller gelingen, je stärker dabei die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung genutzt werden.
Die Liberalisierung des Strommarktes hat für konventionell erzeugte Elektrizität einen Rahmen geschaffen, der zu günstigeren Strompreisen führt. Jetzt müssen auch für regenerative Stromerzeuger neue Rahmenbedingungen definiert werden. Die Quotenregelung mit Zertifikatshandel auf EU-Basis bietet sich dafür geradezu an: Sie bezieht die regenerative Stromerzeugung in den Wettbewerb ein, nutzt die internationale Arbeitsteilung bei der Erzeugung und trägt zur effizienten Verwendung der schon heute erheblichen und in Zukunft noch steigenden Fördermittel bei. Erste Schritte zur praktischen Umsetzung sind in den Niederlanden, Dänemark und mehreren Staaten der USA eingeleitet worden.
Walter Schulz





