Das Gerangel um Sagunt, die Alpenüberquerung, die Schlachten am Trasimenischen See und bei Cannae, die karthagischen Niederlagen in Sizilien und Spanien sowie Scipios Landung in Nordafrika – all das wird in indirekter Rede vorgetragen, aus Sicht historischer und erfundener Zeitzeugen. Eine gute Idee?
Günthers Porträt des großen Karthagers spiegelt, wie sie selbst im Nachwort schreibt, „die wissenschaftlich begründbare Meinung der Autorin“ wider. Tatsächlich hat die Verfasserin eine Reihe wichtiger Arbeiten über das Thema vorgelegt, die unser Bild von der Epoche bereichert und auch in wichtigen Details verändert haben. Mit ihrer Herodes-Biographie hat sie bewiesen, dass sie die Gattung der historischen Biographie meisterlich beherrscht. Verdienstvoll ist ihr Bemühen, die antiken Quellen zu Hannibal gegen den Strich zu lesen und einer gesamtmediterranen Perspektive auf die Jahrzehnte vor und nach 200 v. Chr. den Weg zu weisen.
Doch mit der romanhaften Ausgestaltung des Hannibal-Stoffes unterschätzt und überfordert Günther ihr Publikum gleichermaßen. Der Text ist zu trocken und zu umständlich, um einen wirklich guten historischen Roman abzugeben. Historisches Infotainment, wie es hier gewagt wird, verwischt die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion. Vielfach gebrochene Argumentationsgänge lassen dem Gros der Leser nicht den Hauch einer Chance, Urteile und Positionen nachzuvollziehen. Nur ein Beispiel: Den sogenannten Ebro-Vertrag, über dessen angeblichen Bruch der Krieg 218 v. Chr. entbrannte, erklärt Günthers Hannibal zu einem Propagandatrick der Römer. Ohne Wissen um die Debatte, die um die Sagunt-Klausel, die Ratifizierung des Vertrags durch karthagische Stellen und die Identifikation des in den Quellen genannten Flusses Iber kreist, werden sich die Leser begeistert auf seine Seite schlagen.
Am Ende bleibt das Bedauern, dass hier eine Chance vertan wurde. Mit ihrer profunden Beherrschung der Materie hätte Günther dem Herodes eine zweite Biographie an die Seite stellen können, in der wissenschaftlicher Anspruch und ein im besten Sinne populäres Format sich kongenial verbinden. So seien allen Inter-essierten die vortrefflichen Hannibal-Bücher Jakob Seiberts (Darmstadt 1993 und Mainz 1997) ans Herz gelegt.
Rezension: Dr. Michael Sommer




