Jahr der Technik, Jugendcamps, Schülerlabors – immer mehr Veranstaltungen versuchen Jugendlichen Forschung und Technik schmackhaft zu machen. Mit Erfolg?
Ausgebucht. Diese Bandansage hörten viele Lehrer, die für ihre Schulklasse Tickets zur Ausstellung „Spiel der Kräfte” auf dem Stuttgarter Schlossplatz bestellen wollten. Am 22. April startete die Reservierung, und wenige Tage später waren alle 1500 Plätze weg. „Das Telefon stand nicht mehr still”, freut sich seufzend Prof. Tilman Pfau vom 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart, der die Veranstaltung koordinierte. Besonders viele wissenschaftsbegeisterte Schüler scheint es an der Grundschule Beilstein zu geben: Dort meldete sich gleich die komplette Schule zur Physikshow an.
Sommer 2004 – Stuttgart steckt im Schwitzkasten der Wissenschaft. In der Landeshauptstadt buhlt dieses Jahr eine Hand voll hochkarätiger Veranstaltungen um wissenschaftlich interessierte Laien, vorzugsweise um Jugendliche kurz vor der Berufswahl. Neben den Highlights der Physik im Juni, den Veranstaltungen zum Jahr der Technik und dem Girls Day gab und gibt es 2004 gleich zwei lange Nächte der Wissenschaft. Die erste Nacht am 24. April, von den Uni-Instituten boykottiert, war ein Flop, die zweite (mit Uni-Beteiligung) folgt jetzt im September. Zum Ende des Wissenschaftssommers ankert dann noch das Ausstellungsschiff MS Technik in Stuttgart und informiert, wie der Mensch seine Sinne durch Technik erweitern kann.
Der Stuttgarter Veranstaltungsmarathon ist vorläufiger Höhepunkt einer Welle populärer Wissenschaftsevents, die seit etwa fünf Jahren regelmäßig und mit hohem Aufwand stattfinden. Ziel ist, Jugendliche für Wissenschaft zu begeistern und ihnen ein naturwissenschaftliches Studium schmackhaft zu machen. Zumindest den ersten Teil sieht Florian Frank, Pressesprecher beim Bundesministerium für Bildung und Forschung, erfüllt: „Wir spüren bei den Jugendlichen eine große Zukunftsbegeisterung.” Anfang Juni veranstaltete das Ministerium in Berlin den Futur-Kongress „Heute schon das Morgen denken”, in dem Jugendliche und junge Erwachsene Politikern und Wissenschaftlern ihre Visionen für das Jahr 2020 mitteilen konnten. Wer nicht teilnahm, schickte dem Ministerium seine Ideen mit dem Handy als „ SMS an die Zukunft”.
Dass von einer Null-Bock-Generation keine Rede sein kann, was das Interesse an Wissenschaft angeht, stellte auch Zukunftsforscher Hariolf Grupp vom Fraunhofer Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe fest, als er im Rahmen der Kinderuni vor einem Jahr seinen Vortrag „Nie wieder das Zimmer aufräumen – was Technik alles kann” an der Uni Karlsruhe hielt. Vom verheißungsvollen Titel angelockt, lauschten Hunderte Kinder im überfüllten Hörsaal den Zukunftsvisionen des Professors. Grupp kommentierte danach überrascht: „So viel Interesse hätte ich von den Kindern gar nicht erwartet.”
Trotz dieser Begeisterung gibt es nach Ansicht von Florian Frank immer noch zu wenige Studienanfänger. Das mag aus Sicht der Politiker so sein, die Fakten zeigen aber, dass die Bemühungen fruchten. So sind die Zahlen der Studienanfänger in den naturwissenschaftlichen Fächern nach einem Durchhänger zwischen 1995 und 1999 in den letzten fünf Jahren wieder gestiegen. Bestes Beispiel ist die Physik: 7977 Erstsemester wurden im Wintersemester 2002/2003 gezählt, nur 1990/91 und 1991/92 waren es mehr. Ein regelrechter Boom setzte mit dem Wintersemester 2001/2002 ein, wo rund 1600 Jugendliche mehr das Physikstudium aufnahmen als im Jahr zuvor.
Für Prof. Joachim Treusch, den Vorstandsvorsitzenden des Forschungszentrums Jülich, ist das kein Zufall. Das erste Jahr der Physik 2000 habe wesentlich zu diesem Anstieg der Anfängerzahlen beigetragen. Dabei sei dies gar nicht das primäre Ziel gewesen. „In einen Dialog treten und Vertrauen schaffen”, heißt Treuschs Devise. Und wenn sich dieses Vertrauen in höhere Studentenzahlen ummünzen lässt – umso besser. „Die Anfängerzahlen gehen dort hoch, wo eine Veranstaltung war, besonders wenn sie regelmäßig stattfindet”, hat Treusch beobachtet.
Besonders erfolgreich war die Universität Darmstadt, wo seit 1998 die „Saturday Morning Physics” veranstaltet werden. Zu den populären Vorträgen, die mehrmals in den Semestern stattfinden, kommen physikinteressierte Schülerinnen und Schüler – vorwiegend aus der Oberstufe. In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Physik-Studienanfänger in Darmstadt von knapp 40 auf rund 200 gestiegen. „Etwa die Hälfte unserer Erstsemester hatte vorher an den Saturday Morning Physics teilgenommen”, schätzt Prof. Dieter Hoffmann, Kernphysiker an der Darmstädter Uni.
Doch nicht nur Physiker profitieren von solcherlei Jugendveranstaltungen. Jan Michael Prill hat seine Berufung und wahrscheinlich auch seinen Beruf in einem Forschungscamp der Universität Ulm gefunden. Letztes Jahr startete dort der Studiengang Molekulare Medizin, und der Fachbereich veranstaltete ein Camp für 20 Schüler, die Laborluft schnuppern konnten. Prill, damals kurz vor dem Abitur, machte mit. In Gruppen zu drei bis vier konnten die Jugendlichen die Laborarbeit zu verschiedenen Krankheiten wie Krebs oder Parkinson kennen lernen. Nach dem Camp war für den 20-Jährigen, inzwischen im zweiten Semester, klar: „ Ich kann mir nichts anderes vorstellen.” Einige andere Teilnehmer dagegen schon. Die hätten sich hinterher bewusst gegen die Molekulare Medizin entschieden. „Bei so einem Camp kann man auch herausfinden, was einem nicht liegt”, bilanziert Prill.
Dr. Dieter Brockmann, Dozent und Organisator des Jugendcamps in Ulm, war von der Resonanz überrascht. 200 Schüler hätten Interesse angemeldet, sogar aus Flensburg und aus dem Ruhrgebiet kamen die Bewerbungen. Die 20 Auserwählten durften – ganz offiziell – den Unterricht schwänzen: Das einwöchige Camp fand während der Schulzeit statt. „Alle haben frei bekommen”, freut sich Brockmann. Und angemeldet hätten sich nur Jugendliche mit echtem Interesse an dem Fach.
Mehr aus Jux hatte Julia von Brackel beim Gewinnspiel von bild der wissenschaft mitgemacht – und gewann prompt einen Aufenthalt im Forschungscamp am Forschungszentrum Jülich. Dass sie Biologie studieren will, weiß die 20-Jährige aus Röttenbach bei Erlangen schon seit der ersten Klasse – ein Entschluss, der durch die Woche im Labor bestärkt wurde. „Das Camp war toll, weil man so viele Möglichkeiten hat”, sagt sie. Zum Wintersemester hat Julia von Brackel einen Studienplatz in Erlangen ergattert. Für die Semesterferien hat sie schon Pläne: „Ich will noch mal in Jülich mitarbeiten, dann aber länger.”
Joachim Treusch, Physik-Professor und Vorstandsvorsitzender in Jülich hat mit den Jahren der Physik (2000), der Geowissenschaften (2002) und der Chemie (2003) die Erfahrung gemacht, dass zu den Veranstaltungen vor allem Leute kommen, die schon vorher ein konkretes Interesse hatten. Von den 60 000 Besuchern bei den Schwerpunktveranstaltungen in Mainz zum Jahr der Chemie habe bestimmt die Hälfte früher schon Kontakt zur Chemie gehabt, sei es durch den Leistungskurs in der Schule, als Student oder zumindest durch den Chemiebaukasten unterm Weihnachtsbaum.
Für Treusch sind solche Veranstaltungen dennoch eine Gratwanderung. „Wie viel Aufklärung muss, wie viel Halligalli darf sein?” Meist werden die Besucher mit Tricks à la Knoff-hoff-Show begeistert, mit dem manchmal trockenen Uni-Alltag hat das jedoch wenig zu tun – Chemie ist eben nicht nur, wenn es kracht und stinkt, sondern auch, wenn der Schädel raucht.
Eine wichtige Zielgruppe hat Treusch in den eigenen Reihen ausgemacht. Vielen Wissenschaftlern würde die Beschäftigung mit Laien und vor allem Jugendlichen so viel Spaß machen, dass sie hinterher viel offener seien. „Diese Offenheit nutzt auch der Wissenschaft”, sagt Treusch. Zu den Forschungscamps in Jülich, die das Forschungszentrum gemeinsam mit bild der wissenschaft (das nächste in der Nachosterwoche 2005) anbietet, melden sich inzwischen die besten Wissenschaftler als Betreuer. Und für das Motorschiff MS Technik, auf dem am Anfang niemand anheuern wollte, finden die Veranstalter heute mit Leichtigkeit eine Besatzung, die die Exponate betreut. Diese Erfahrung hat auch Tilman Pfau bei seinen Stuttgarter Physik-Highlights gemacht. „ Das Jahr der Physik war die Initialzündung, da haben viele Lunte gerochen”, sagt der Stuttgarter Physikprofessor.
Der Erfolg erregt mittlerweile auch im Ausland Aufsehen. An der Universität Louis-Pasteur in Straßburg beschäftigt sich Marie Foulon systematisch mit den deutschen Aktivitäten zur Vermittlung von Wissenschaft und den Einfluss der Medienberichterstattung. Dabei hat sie einen eindeutigen Zusammenhang zwischen den Veranstaltungen, der öffentlichen Aufmerksamkeit für diese Themen und den Studentenzahlen festgestellt. „Die deutschen Aktivitäten sind für uns Vorbild”, sagt Foulon. 2005 veranstaltet Frankreich erstmals ein Jahr der Physik.
Für Franzosen und Deutsche ist die Verbesserung der Akzeptanz von Wissenschaft und die Steigerung der Studienanfängerzahlen nur Mittel zum Zweck. Der lautet: Sicherung von Standort und Arbeitsplätzen. Ideal, wenn Jugendliche sich nicht nur forscherisch betätigen, sondern ihre Erfindung gleich in ein Produkt umsetzen. Beim Klassiker Jugend forscht ist das gar nicht so selten. Seit 1966 kämpfen Jugendliche um Praktika und Auslandsaufenthalte, die es als Preise für besonders pfiffige Erfindungen gibt.
Einer, der es geschafft hat, ist Karsten Weiß, der mit einer Auftragsarbeit für den Euter-Gesundheitsdienst 1998 den ersten Preis abgestaubt hat. Die Milchexperten waren auf der Suche nach einem Messgerät, das den Melkvorgang überwacht und Euter-Entzündungen bei den Kühen verhindert. Weiß entwickelte die Digikuh, eine künstliche Zitze mit 64 druckempfindlichen Sensoren. „Jugend forscht hat mir viel geholfen, alles ging spielerisch”, erinnert sich Weiß. Sein Lebenslauf ist Beleg: Der 26-Jährige hat sein Maschinenbaustudium in nur sieben Semestern abgeschlossen und arbeitet inzwischen an seiner Promotion an der Uni Karlsruhe, wobei er sich mit einer gefühlvollen Kunsthand beschäftigt. Bereits mit 16 stand Weiß an einem Stuttgarter Fraunhofer-Institut unter Vertrag. Während seines Wehrdienstes arbeitete er am Institut für Messtechnik der Bundeswehr-Uni in München. Weiß, der neben der Promotion noch seine Firma Weiß-Robotics vorantreibt, beobachtet die heutigen Jugend-forscht-Jahrgänge mit Respekt: „Die Arbeiten werden anspruchsvoller, die meisten haben ein professionelles Labor im Rücken.”
Wie geht es weiter? In Deutschland findet 2005 das Einstein-Jahr statt, weil der populärste Wissenschaftler aller Zeit vor dann 100 Jahren seine Relativitätstheorie vorgestellt hat. Der Name führt allerdings in die Irre. Es wird weniger um Physik gehen, vielmehr soll die Innovationsoffensive des Bundeskanzlers unterstützt werden. Geldgeber ist deshalb auch nicht das Bundesministerium für Bildung und Forschung, sondern das Bundeskanzleramt – das merkt man auch beim Etat: Während die Highlights der Physik in Stuttgart rund 475 000 Euro kosten, werden fürs Einstein-Jahr zehn Millionen Euro veranschlagt. ■
BERND MÜLLER ist Physiker und war viele Jahre bdw-Redakteur. Seine Themen findet er an den Schnittstellen von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft.
Bernd Müller
COMMUNITY internet
Homepage der Physik-Highlights in Stuttgart:
www.physik-highlights-2004.de
Infos zum Jahr der Technik:
www.wissenschaft-im-dialog.de
Homepage von Jugend forscht:
www.jugend-forscht.de
Futur-Kongress:
www.futur.de/de/6371_6659.htm
Ohne Titel
Im Zelt ist es stockdunkel. Ein Blitz durchzuckt die Finsternis und gefriert das Bild von zwei Schülern sekundenlang auf einer Leinwand. „Voll geil”, sagt der eine, der seinem Kameraden mit den Fingern Hasenohren hinter den Kopf hält.
Mitmachen und Staunen war angesagt bei den Highlights der Physik, die unter dem Motto „Spiel der Kräfte” vom 21. bis 26. Juni auf dem Stuttgarter Schlossplatz stattfanden. Einen Ball auf einem Luftstrahl tanzen lassen, Meter hohe Vorhänge aus Seifenblasen ziehen – hier konnten die Schüler alles ausprobieren. Im Pavillon ließ es das Comedy-Duo „Die Physikanten” mit seinen wissenschaftlichen Zaubertricks richtig krachen. Und bei einem Wettbewerb, gesponsert von der Klaus-Tschira-Stiftung, mussten Schüler ein U-Boot konstruieren, das für drei Minuten auf den Grund eines Wasserbeckens sinkt und dann von selbst wieder auftaucht. Manche versuchten es mit komplizierter Elektronik, manche mit einer Brausetablette, die sich im Wasser auflöst. „ Unglaublich, was die für Ideen haben”, sagt ein Betreuer.
Für Organisator Tilman Pfau, seines Zeichens Physikprofessor und Jahrgang 1965, war die Veranstaltung ein voller Erfolg, auch weil seine Fachkollegen mit Begeisterung bei der Sache waren. Rund 100 halfen mit, etwa 30 Exponate stammten von Uni-Instituten in Stuttgart, Hohenheim und Tübingen – eine Leistung, die nicht mit Geld zu beziffern ist, findet Pfau. „Alle haben gemerkt, wie viel Spaß es macht, Physik einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.”





