1948 geboren, wuchs sie in einem freiheitlich gesinnten Elternhaus im noch halbzerstörten Ost-Berlin auf, engagierte sich frühzeitig in der evangelischen Kirche und kümmerte sich als junge Mutter vor allem um ihre drei Kinder. Dass sie ihre Kinder bewusst nicht in die Krippe schickte und keiner Berufstätigkeit nachging, war in der DDR ungewöhnlich. Es war ein alternativer Lebensentwurf, zumal „Glaube und Kirchgemeinde“ einen wesentlichen Teil ihrer Existenz ausmachten. In politische Funktionen kam Marianne Birthler, wie alle Bürgerrechtler, erst 1989 – und dies eher zufällig.
Die anschauliche Schilderung der Jugend und der Atmosphäre der vorrevolutionären Oppositionszeit machen ihre Erinnerungen lesenswert. Sie geben einen authentischen Einblick in die Lebenswelt einer Minderheit, die sich dem allgegenwärtigen Anpassungszwang verweigerte. Im Unterschied zu jenen, die um jeden Preis in die Bundesrepublik ausreisen wollten, votierten die in evangelischen Kirchenkreisen sozialisierten Oppositionsgruppen aber für das Bleiben in der DDR.
Marianne Birthler schildert freimütig, welch zwiespältige Gefühle sie nach dem Mauerfall hatte: Die idealistischen Visionäre des „dritten Weges“ wollten eine demokratisch erneuerte DDR, nicht aber den „Anschluss“ an die kapitalistische Bundesrepublik. Nach den freien März-Wahlen 1990 sollte die Vereinigung wenigstens „auf Augenhöhe“ erfolgen – und das vereinte Deutschland keinem Militärbündnis mehr angehören.
Im Herbst 1990 übernahm Marianne Birthler das Kultusministerium in Brandenburg, wo sie sich für eine tiefgreifende Reform des DDR-Schulwesens einsetzte, bis sie 1992 in einem höchst respektablen Schritt wegen der Stasi-Verstrickungen des Ministerpräsi‧denten Manfred Stolpe zurücktrat. Danach wirkte sie als Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen – eine Zeit, die aus ihrer Sicht stark von einem gegenseitigen Unverständnis wegen der unterschiedlichen politischen Kulturen in West und Ost geprägt war.
Mehr Spuren hinterließ Birthler als Nachfolgerin von Joachim Gauck in der Stasi-Unterlagen-Behörde. Hier hatte sie heftige Konflikte mit Innenminister Otto Schily und Exbundeskanzler Helmut Kohl zu bestehen, die beide am liebsten den Aktenzugang für Historiker und Journalisten gesperrt hätten. Was Marianne Bithlers Erinnerungen zudem auszeichnet, ist die sympathische Offenheit, die eigene Fehleinschätzungen und Schwächen nicht verleugnet.
Rezension: Dr. Clemens Vollnhals




