von BETTINA WURCHE
Ein großer dunkler Hai nähert sich dem Kadaver am Meeresboden, die Bewegungen des Pazifischen Schlafhais sind träge. Sein stumpf graubrauner Körper verschwimmt mit der Dunkelheit der Tiefsee, nur die hellen Augen und der weiße Bauch blitzen immer wieder auf. Als das Tier davonschwimmt, erfasst die Kamera weitere, offenbar wartende Artgenossinnen.
Mit einem in 1.692 Meter Tiefe im Südchinesischen Meer versenkten Kuh-Kadaver lockten Forschende jetzt erstmals Schlafhaie dieses Meeresgebiets in die Unterwasserkamerafalle. Dabei beobachtete das Team um den chinesischen Tiefseefisch-Experten Han Tian vom Southern Marine Science and Engineering Guangdong Laboratory unter Leitung des Meeresökologen Kedong Yin von der Sun Yat-sen University ein überraschendes Verhalten: Galten diese Haie bislang als Einzelgänger, deutet das Verhalten der Gruppe hungriger Knorpelfische auf ein soziales Beziehungsgeflecht hin.
Methode Food Fall
Als Food Fall bezeichnet man generell einen in die Tiefsee abgesunkenen Kadaver. Viele Tiefseebewohner erschnuppern die Aas-Düfte und werden über größere Entfernungen hinweg angezogen. Solche Ökosysteme wurden Ende der 1980er-Jahre erstmals wissenschaftlich an Wal-Kadavern beschrieben. Seitdem haben Forschende immer wieder auch gezielt Kadaver versenkt, um die Stadien ihres Abbaus und ihrer Zersetzung zu analysieren.
Das chinesische Team hat schon 2023 mit dieser Methode gearbeitet, um die Verbreitung der Schlafhaie im Südchinesischen Meer zu analysieren. Nur an ebenjenem Kontinentalabhang haben die Köder damals wie heute die großen Haie angelockt. Die neuen Ergebnisse veröffentlichte das Team im Sommer 2025 in der Fachzeitschrift Ocean-Land-Atmosphere Research, einem Partner-Journal von Science.
So trafen an diesem Kuh-Food-Fall nach nur einem Tag gleich acht Weibchen der Art Somniosus pacificus ein, die die Meeresbiologen auf zwischen 1,9 und 5,1 Meter Länge schätzten. Ein Männchen war nicht dabei. Anders als bisher angenommen, waren diese Tiefseehaie bei der Nahrungssuche nicht allein. Vielmehr trafen sich zumindest an jenen Kadavern gleich mehrere, allerdings – für die Forschenden überraschend – eben nur Weibchen.
Das Forschungsteam vermutet, dass sich die Pazifischen Schlafhaie häufiger in Gruppen treffen, denn die Buffet-Besucherinnen zeigten ein situationsgerechtes Sozialverhalten: Sie ordneten sich zum Fressen in einer ihrem sozialen Rang entsprechenden Reihe ein. Während die größeren, über 2,7 Meter langen Exemplare direkt und aggressiv den Fleischberg attackierten, blieben die kleineren Tiere vorsichtiger und abwartend. Die Meeresbiologen beobachteten, dass wiederholt Haie ihre Wartepositionen an größere Individuen abgaben, die sich von hinten näherten.





