Warum wissen wir so wenig über die großen Räuber der Meere, die schon seit 400 Millionen Jahren die Ozeane durchstreifen? “Die Haiforschung steckt teilweise noch in den Kinderschuhen, wobei sich in den letzten zwei Jahrzehnten viel getan hat”, erläutert Heike Zidowitz, Shark-Alliance-Koordinatorin für Deutschland und Vorsitzende der Deutschen Elasmobranchier-Gesellschaft. Erst seit den 80er Jahren seien Haie für die globale Fischerei interessant und erst seitdem habe sich die Forschung intensiver mit diesen Tieren beschäftigt.
Und auch das negative Image der Raubfische hat wohl mit zu dem mangelnden Wissen beigetragen. Den Bestien-Stempel hat nicht zuletzt Hollywood den Tieren aufgedrückt. Tatsächlich sterben zwar jährlich mehrere Menschen durch Haie, aber ein Blick in die Statistiken nimmt schnell das Grauen: Das International Shark Attack File vermeldet seit 2001 im Schnitt 56 nicht-provozierte Haiangriffe pro Jahr, von denen durchschnittlich vier tödlich enden. Allein in Deutschland wurden im gleichen Zeitraum pro Jahr übrigens drei bis vier Menschen von Hunden getötet.
Doch nicht überall werden die Räuber verteufelt: Viele polynesische Kulturen verehrten Haie als Götter, und so, wie es im Mittelmeerraum Mythen über Delphine gibt, die Menschen vor dem Ertrinken retteten, erzählten sich Menschen im Pazifik Geschichten über menschenrettende Haie. Zudem glaubten einige Polynesier, dass ihre Ahnen als Haie wiedergeboren werden.
Langsam wird Wissenschaftlern auf der ganzen Welt klar, wie wichtig Haie für das Ökosystem des Meeres sind und wie wichtig damit auch für den Menschen. So haben Forscher beobachtet, dass Korallenriffe absterben, wenn keine Haie mehr in ihnen leben. “Ohne die Haie bricht das komplexe marine Ökosystem zusammen, bis zum Phytoplankton”, sagt Andreas Keppeler, Präsident der Haischutz-Organisation Sharkproject.
Genaue Zahlen der Haibestände gibt es nicht, doch die kleinen bekannten Puzzleteile decken ein düsteres Bild auf: Jährlich werden etwa 100 Millionen Haie vom Menschen getötet, drei Haie in jeder Sekunde. In vielen Gebieten sind die Populationen einzelner Hai-Arten schon um über neunzig Prozent geschrumpft. Die späte Geschlechtsreife viele Haie werden wie der Mensch erst mit 10 bis 15 Jahren geschlechtsreif , wenige Junge und teilweise lange Tragzeiten von bis zu 24 Monaten wie beim Dornhai, machen die Tiere besonders anfällig für Überfischung.
Viele Haie müssen ihr Leben für die Flossenindustrie lassen oder enden als Beifang. Eine besonders verschwenderische Art der Tötung von Haien ist das sogenannte Finning: Um schnell an die begehrten Haiflossen zu kommen und viel an Bord mitnehmen zu können, werden den Tieren die Flossen bei lebendigem Leib abgeschnitten und die Tiere zurück ins Meer geworfen, wo sie bewegungsunfähig absinken und ersticken. “Finning ist zwar in der EU verboten, doch dürfen Fischer Sonderanträge stellen, damit sie die Tiere an Bord zerlegen und getrennt Anlanden dürfen eine Schlupflochregelung”, kritisiert Heike Zidowitz. Weil niemand mehr nachweisen kann, ob auch tatsächlich die gesamten Körper an Land gebracht werden. “Diese Lücke zu schließen ist nun Aufgabe des EU-Fischereikommissars Joe Borg, der sich mit dem im Februar vorgestellten Haiaktionsplan dazu verpflichtet hat.”
Der Schutz der Haie, von denen bereits etliche Arten als gefährdet gelten, ist schwierig. Fangverbote und Schutzzonen sind nur dann effektiv, wenn auch für deren Einhaltung in der Praxis gesorgt wird. Und die Fischereilobby ist groß, die der Haie dagegen winzig. Vielen wandernden Arten, die sich weiträumig im Ozean bewegen, kann zudem nur durch überregionale Lösungen geholfen werden. Wichtig ist ein ganzheitlicher Schutz des Ökosystems Meer, macht Andreas Keppeler klar und: “Die Aufklärung der Menschen ist das wichtigste, denn der Käufer im Supermarkt bestimmt über die Befischung der Ozeane.”





