Auch Bertolt Brecht hatte sich mit dem brutal Harten und dem wohlig Weichen beschäftigt. Eines seiner berühmten Gedichte handelt von der „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Der Weise wird auf seiner Reise von einem Zollbeamten aufgehalten. Der will von einem Knaben, der den Alten begleitet, etwas über den Lehrer wissen will, nämlich „Hat er was rausgekriegt?“. Die wunderbare Antwort des Kindes lautet, „dass das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt.“ Diese Auskunft macht den Zollbeamten so neugierig, dass er Laotse bittet, ihm mehr darüber zu erzählen und seine Weisheiten aufzuschreiben. So entstand das berühmte Tao te king, das kleine Buch der großen chinesischen Weisheit.
Das im Hinterkopf kann man sich nun der Frage zuwenden, „wie Haare Stahl deformieren“, das heißt, man darf sich wundern, dass nicht nur das weiche Wasser den harten Stein besiegt, sondern dass auch eigens mit großem Aufwand extrem gehärteter Stahl Abnutzungserscheinugen zeigt, wenn man damit weiches Material schneidet – also die erwähnten Haare oder den Käse zum Beispiel.
In der zitierten Publikation ist explizit von den „martensitischen Mikrostrukturen“ der scharfen Stahlklingen die Rede, wobei in dem Attribut der Name des deutschen Metallurgen Adolf Martens (1850 bis 1914) steckt. Dessen Beiträge gehören zu den vielen Mühen, mit denen die Menschheit seit Jahrtausenden versucht, schärfere Klingen für Schwerter, Dolche oder Rasiergeräte anzufertigen.
Doch warum besiegt zuletzt das weiche Haar den harten Stahl, wie es sich gehört, wenn man Laotse folgt? Laut den MIT-Forschern zeigen mikroskopische Untersuchungen, dass die räumliche Variation der martensitischen Strukturen den Platz öffnet, den das Haar braucht, um das schneidende Messer abzustumpfen – und es mit Laotse zu besiegen. Doch anders als der weise Alte forschen moderne Wissenschaftler weiter. Sie schlagen Wege vor, mit denen homogenere Mikrostrukturen möglich werden. Damit geht es den Haaren an den Kragen. Muss auch der Bart des Laotse dran glauben?





