Das zu den Herpesviren gehörende Varicella-Zoster-Virus (VZV) kann gleich zwei verschiedene Krankheiten verursachen. Bei der Erstinfektion mit dem Erreger – meist im Kindesalter – löst der Erreger Windpocken aus – typisch dafür sind juckende Pusteln am ganzen Körper. Normalerweise sind die Windpocken nach rund einer Woche vorbei, nicht aber die Infektion mit dem auslösenden Virus. Wie fast alle Herpesviren bleibt auch Varicella Zoster lebenslang im Körper. Die Viren überdauern in einer Art Ruhezustand in den Nervenenden und weiterführenden Nervenfasern, ohne dass sie Symptome verursachen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind rund 95 Prozent aller erwachsenen Menschen latent mit Varizella Zoster infiziert. Wenn jedoch das Immunsystem der Infizierten schwächer wird – durch eine andere Krankheit oder hohes Alter – können die Herpesviren aus ihrer Latenz erwachen und sich wieder vermehren und ausbreiten. Die Folge ist dann eine Gürtelrose. Typisch für sie ist ein sehr schmerzhafter Hautausschlag an einer Seite des Rumpfes, seltener am Kopf. Auch Lähmungen und Hirnhautentzündungen können vorkommen. Deshalb wird eine Impfung gegen Gürtelrose für ältere Menschen empfohlen – in Deutschland ist sie ab 60 Jahren eine Kassenleistung.
Ein “natürliches Experiment”
Schon länger besteht zudem der Verdacht, dass Herpesviren und im Speziellen Varicella Zoster eine Rolle bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und anderen Demenzen spielen. Indizien dafür liefern ein vermehrtes Vorkommen von bestimmten Herpesviren im Gehirn gestorbener Alzheimer-Patienten, aber auch Laborversuche mit Gewebekulturen menschlicher Hirnzellen. Umgekehrt gab es bereits erste Hinweise darauf, dass eine Gürtelrose-Impfung das Demenzrisiko senken könnte. Studien zeigen geringere Demenzraten bei geimpften Senioren. Allerdings war es bisher schwierig, studienbedingte Verzerrungen auszuschließen. “All diese assoziativen Studien leiden unter dem grundlegenden Problem, dass Menschen, die geimpft werden, ein anderes Gesundheitsverhalten haben als Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten”, erklärt Seniorautor Pascal Geldsetzer von der Stanford University. “Im Allgemeinen wurden diese Studien daher nicht als solide genug angesehen, um Empfehlungen daraus abzuleiten.”
Doch ein “natürliches Experiment” hat nun Geldsetzer, Erstautor Markus Eyting und ihren Kollegen die Chance gegeben, den Zusammenhang von Gürtelrose-Impfung und Demenzrisiko ohne diese Verzerrungen zu untersuchen. Möglich wurde dies durch ein Impfprogramm, das am 1. September 2013 in Wales eingeführt wurde. Die Besonderheit dabei: Weil der dabei eingesetzte Lebendimpfstoff gegen Gürtelrose knapp war, wurden nur diejenigen für die Impfung zugelassen, die an diesem Stichtag noch nicht 80 Jahre oder älter waren. Das bedeutete: Im Extremfall durfte ein 79-jähriger mit Geburtstag am 2. September geimpft werden, ein Mensch, der einen Tag zuvor 80 geworden war aber nicht. Genau dies nutzten Geldsetzer und sein Team für ihre Studie: Sie verglichen die Gesundheitsdaten und im Speziellen die im Verlauf der folgenden sieben Jahre auftretenden Demenzraten der Senioren, die in der Woche vor dem Stichtag 80 geworden waren und daher keine Impfung erhielten, mit denen von Senioren, die erst in der Woche danach 80 wurden. Weil es theoretisch in beiden Gruppen genauso viele Impfwillige und Impfunwillige gibt, aber nur eine Gruppe die Impfung erhalten konnte, minimiert dies die sonst typische Verzerrung. “Sie sind sich ähnlich, bis auf diesen winzigen Altersunterschied”, erklärt Geldsetzer. Die Forschenden konnten daher vergleichen, ob sich diese beiden Kohorten in den sieben Folgejahren in Bezug auf ihre Demenzraten unterschieden.





