von LEONI HELLMAYR
Die Fotos, die Ivana Puljiz Anfang dieses Jahres gemacht hat, zeigen die Szenen einer archäologischen Grabung am Ufer eines großen Sees inmitten einer kargen Wüstenlandschaft. Manche der Teilnehmer kratzen mit kleinen Werkzeugen kniend auf dem Boden, auf dem viele Rechtecke wie ein Raster eingezeichnet sind. Andere kippen Plastikeimer voll Erde und Schutt in eine Schubkarre. Eine Person steht etwas abseits und macht sich Notizen in ein Heft. Allesamt Arbeitsschritte, wie man sie aus der Feldarbeit der Archäologie kennt.
Ivana Puljiz hat viele positive Erinnerungen an diese Grabungskampagne: „Vor allem die Zusammenarbeit der Teilnehmer klappte fantastisch. Es war großartig zu erleben, was ein Team unter widrigsten Umständen schaffen kann.“ Dabei denkt sie vor allem an das üble Wetter. Eiskalt sei es gewesen, erzählt sie: Die Tage begannen morgens mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt; und selbst um die Mittagszeit, wenn die Sonne schien, stieg das Thermometer kaum über 10 Grad Celsius. Auf den Fotos tragen die Teilnehmer dicke Jacken und schützen ihren Kopf mit einem Schal oder einer festgezogenen Kapuze. Eine Ausgrabung mitten im Winter durchzuführen – das ist ungewöhnlich. Doch den Archäologen blieb keine Wahl. Sie mussten die Gunst der Stunde nutzen. Denn niemand wusste, wann der Boden unter ihren Füßen wieder überflutet sein würde.
Der Arbeitsort der Archäologen lag mitten im Mosul-Stausee am Tigris, dem wichtigsten Wasserreservoir des Irak. Als die Talsperre vor rund 35 Jahren gebaut wurde, versanken in dem See die Ruinen einer 3400 Jahre alten Stadt. Sie taucht nur auf, wenn das Wasser abgelassen wird – und das geschieht meistens dann, wenn die ausgetrockneten Felder bewässert werden müssen, um die Ernte zu retten. Da der Irak zu den Regionen der Welt gehört, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, leidet das Land immer häufiger und über immer längere Zeiträume hinweg unter den Folgen extremer Dürre.
Aus diesem Grund war das Wasser bereits im Jahr 2018 abgelassen worden. Ivana Puljiz und ihre Kollegen reagierten damals sofort und führten eine Grabung durch, allerdings nur punktuell. Wie es der Zufall wollte, stießen sie ausgerechnet an der Stelle, die sie freigelegt hatten, auf einen äußerst vielversprechenden Fund: die Reste eines Palastes. Daraus folgerten die Archäologen, dass dieser Ort im Altertum bedeutend gewesen sein musste, und sie fragten sich, zu welcher Stadt dieser Palast einst gehört haben mochte. Doch bevor sie weiterforschen konnten, stieg der Wasserpegel des Sees. Unvollendeter Dinge mussten sie die Grabung beenden.
Ivana Puljiz wartete seither auf den Moment, an dem sie wieder die Chance erhalten würde, an jener Stelle endlich eine großflächig angelegte Grabung durchzuführen. Seit 2021 arbeitet sie in der Abteilung für Vorderasiatische Archäologie der Universität Freiburg. Von Deutschland aus beobachtete sie auf ihrem Laptop regelmäßig die Satellitenbilder des Stausees. Als sie Mitte Dezember 2021 erkannte, dass der Wasserstand erneut zu sinken begann, informierte sie umgehend ihre Kollegen Hasan A. Qasim von der Kurdistan Archaeology Organization und Peter Pfälzner von der Universität Tübingen. Gemeinsam beschlossen sie, eine Rettungsgrabung zu unternehmen und ein Team zusammenzustellen. In nur zwei Wochen warben sie Mittel zur Finanzierung des Projektes ein, kümmerten sich um die Genehmigungen und organisierten die Reise. Am 1. Januar 2022 fingen sie mit der Arbeit an. „Für archäologische Verhältnisse ging das alles erstaunlich schnell, vor allem, wenn man die räumliche Distanz berücksichtigt, aus der wir alle Vorbereitungen treffen mussten“, so Ivana Puljiz. Nur die Rückflüge buchten sie nicht, denn wie viele Tage oder Wochen ihnen zum Graben bleiben würden, war völlig offen.





