Ein erschöpftes, ausgemergeltes Kreuzfahrerheer, etwa 12000 Mann, näherte sich am 7. Juni 1099 in der Sommerglut Jerusalem. Noch ein Berg war zu erklimmen, dann, endlich, erblickten sie das Ziel ihres Kriegszugs, der sie drei Jahre lang durch Wüsten und über Gebirge, durch Hunger und Durst und unzählige kriegerische Gemetzel geführt hatte. Nur ein kleiner Rest des Heeres, das 1096 aus dem Westen aufgebrochen war, erlebte diesen Moment (siehe Seite 22). Den Berg, von dem aus sie erstmals das langersehnte Ziel sehen konnten, nannten die Kreuzfahrer von nun an Montjoie (Berg der Freude).
Jerusalem, Sinnbild des Himmels und des göttlichen Heilsplans, die Stadt christlicher Sehnsucht, Mittelpunkt der damaligen Vorstellungen von der Welt, lag ihnen zu Füßen. Nun schien in Erfüllung zu gehen, was sie Jahre zuvor gelobt hatten. Damals, 1095 und 1096, hatten sie das Stoffkreuz an ihr Gewand genäht und damit symbolisch das Kreuz Christi auf sich genommen mit dem Versprechen, Jerusalem zurückzu?erobern und die heiligen Stätten der Christenheit aus den Händen der Muslime zu befreien.
Nun lag die Stadt zum Greifen nahe. Aber so kurz vor dem Ziel drohte das Unternehmen doch noch zu scheitern. Die Stadt, die zwischen 636 und 638 von den Muslimen erobert worden war, stand unter dem Oberbefehl des fatimidischen Statthalters Iftikar al-Daula (die mächtigen schiitischen Fatimiden aus Ägypten hatten Jerusalem 1098 den sunnitischen Seldschuken entrissen). Das Heer in der Stadt übertraf das der Christen um ein Vielfaches, und es widersprach allen Erfahrungen, daß eine so geringe Angreiferschar eine mit Übermacht verteidigte Stadt einnehmen konnte. Die Stadt selbst war mit Vorräten gut versorgt. Die Umgebung dagegen war verwüstet, die Brunnen waren vergiftet, Verpflegung für die Kreuzfahrer gab es kaum. Zudem war Jerusalem stark befestigt. Die Steillage der Stadt erschwerte die Lage zusätzlich: Nur von der Süd- und der Nordseite her war ein Angriff überhaupt möglich.
Dennoch mußten die Christen rasch handeln, denn aus dem Süden war ein fatimidisches Entsatzheer im Anmarsch. Erste Eroberungsversuche scheiterten. In dieser hochgespannten Situation kam die Vision eines gewissen Petrus Desiderius zur rechten Zeit: Nach wirklich ernsten Bußübungen, so sei ihm im Traum versichert worden, sei den Christen der Sieg sicher. Hoffnung keimte auf, daß Gott seine Krieger nicht im Stich lassen würde. Fasten wurde angeordnet, und am 8. Juli 1099 zogen die Kreuzfahrer mit Trompeten und Fahnen und bewaffnet, aber barfuß wie Büßer, in einer Prozession um die Stadt, voran der Klerus mit Kreuzen und Reliquien. Auf dem Ölberg vereinigten sich alle zu einer Schicksalsgemeinschaft und flehten Gott um Erbarmen an, daß er „sein Volk“ – und das bedeutete: sein neues Volk Israel – nicht verlassen möge.




