von RAINER KURLEMANN
Das Gehirn ist das mit Abstand komplizierteste Organ des Menschen, vielleicht sogar das komplexeste biologische System, das die Evolution je hervorgebracht hat. Etwa 86 Milliarden Nervenzellen bilden Billionen von Verknüpfungen, hinzu kommt das Wechselspiel mit den Gliazellen des Nervengewebes und auch unzähligen winzigen Molekülen als Botenstoffen. Die Menge der Details und die Flut der Daten sind so unvorstellbar groß, dass eine vollständige Kartierung des Gehirns jahrzehntelang unmöglich erschien.
Doch die Arbeit einer internationalen Forschergruppe mit mehr als 500 Wissenschaftlern aus 20 Ländern ermöglicht nun, dieses komplexe System besser zu verstehen. „Unsere Vision im Human Brain Project war es, die Neurowissenschaften im Zeitalter digitaler Werkzeuge und Computertechnik zu verändern“, sagt Katrin Amunts. Die Hirnforscherin am Forschungszentrum Jülich (FZJ) war von 2016 bis 2023 wissenschaftliche Leiterin des europäischen Human Brain Project. Ein wichtiges Ergebnis ist der digitale dreidimensionale „Julich Brain Atlas“. Er ist so umfangreich, dass es einen Supercomputer benötigt, um ihn darzustellen. Tatsächlich verfügen die Forscher über die bisher umfassendste Datenbasis.
Die Forschungsplattform EBRAINS stellt diesen Schatz mit vielen Softwarewerkzeugen Medizinern und Wissenschaftlern zur Verfügung. Dahinter steckt ein hoher Programmieraufwand, der unterschiedlichen Anforderungen der Nutzer gerecht werden muss, aber dennoch einfach zu handhaben sein soll. „Im Moment hat EBRAINS knapp 12.000 registrierte Nutzer, und unser Gehirnatlas ist eine der meistgenutzten Ressourcen auf der Plattform. Wir arbeiten daran, dass es ständig mehr werden“, sagt Amunts, Geschäftsführerin von EBRAINS. Der Non-Profit-Organisation mit Sitz in Belgien gehören aktuell 65 wissenschaftliche Institutionen an.
Nicht nur erfahrene Forschergruppen nutzen das 3D-Modell, auch Nachwuchswissenschaftler und Studierende surfen durch das digitale Gehirn. „Der Atlas ist recht intuitiv gemacht, die Nutzer können da einfach reinzoomen und sich angucken, wie unterschiedlich die Strukturen des Gehirns aufgebaut sind“, sagt Amunts. Das sei sogar für Schulen interessant, beispielsweise im Leistungskurs Biologie.
Genauer als MRT-Bilder
Angesichts der modernen Diagnostik in Krankenhäusern und Arztpraxen überrascht es, dass dieser Atlas nicht schon längst existiert. Schließlich werden täglich Zehntausende Aufnahmen des Gehirns erstellt. Doch die Welt der bunten Bilder aus dem Neuroimaging mit Magnetresonanz- und Positronen-Emissions-Tomografie (MRT und PET) trügt. „Unsere Karten sind wesentlich genauer“, erklärt Amunts.
Mit der Bildgebung lassen sich Patientengehirne lediglich mit einer Genauigkeit von etwa einem Millimeter untersuchen. Die Mikrostruktur bleibt dabei verborgen. Das Problem kennt man aus der Fotografie: Wenn ein Foto nicht genügend Pixel hat, verschmieren Grenzen, und bei der Vergrößerung des Bildes fehlen Details.





