Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts spielten die Eisenbahnen eine wichtige Rolle in der amerikanischen Wirtschaft. Die vielen Bahngesellschaften boten ein weites Betätigungsfeld für Investoren und Spekulanten. Bald galt die Dampflokomo‧tive als Symbol für den amerikanischen Fortschritt. In den späten 50er Jahren des 19. Jahrhunderts wurden in den USA ebenso viele Eisenbahnen gebaut wie im gesamten Rest der Welt zusammen. Doch bis zu diesem Zeitpunkt beschränkten sich die Bahnbauten fast ausschließlich auf den Osten des Kontinents. Eine Verbindung zur Westküste gab es noch nicht.
Dabei hatte der Westen seit jenem Tag im Jahr 1848, an dem in Kalifornien Gold entdeckt wurde, eine geradezu stürmische Entwicklung durchgemacht. Massen von Goldgräbern, Siedlern und Farmern machten sich tagtäglich auf den mühsamen Weg nach Kalifornien. Der Bau einer transkontinentalen Eisenbahnverbindung zwischen Pazifik und Atlantik wurde zur nationalen Aufgabe erhoben und bestimmte lange Zeit die Politik der Vereinigten Staaten. Doch dem Jahrhundertbauwerk standen nicht nur technische Probleme im Weg: Die Interessen der einzelnen Bundesstaaten waren teilweise völlig gegensätzlich. Man fürchtete die geradezu astronomischen Kosten. Und schließlich bezweifelten Kritiker sogar den praktischen Wert einer derart langen Eisenbahnverbindung, die weltweit ohne Beispiel war.
Vor diesem Hintergrund ließ der Baubeginn auf sich warten. Erst nachdem 1861 der Sezes‧sionskrieg ausgebrochen war und die strategische Bedeutung der geplanten Eisenbahn immer offensichtlicher wurde, machte Präsident Abraham Lincoln (1861 –1865) der Diskussion ein Ende und unterzeichnete im Juli 1862 den „Pacific Railroad Act“. Zwei große Bahngesellschaften erhielten daraufhin die Konzession zum Bau der transkontinentalen Eisenbahn: Die Central Pacific Railroad sollte ihre Gleise ausgehend von Sacramento in Kalifornien nach Osten verlegen, die Union Pacific Railroad von Omaha am Missouri River nach Westen.
Damit war der Startschuss gefallen für ein gigantisches Projekt: 2600 Kilometer spärlich besiedelter Wildnis zwischen dem Missouri River und der kalifornischen Küste waren zu überwinden. Auf dieser Strecke erhoben sich mit den Rocky Mountains und der Sierra Nevada zwei gewaltige Gebirgsketten, deren Gipfel Höhen von bis zu 4200 Metern erreichten. Im Winter türmte sich der Schnee auf den Pässen zwölf und mehr Meter hoch. Noch erschreckender aber war das Great Basin, jenes trockene und weite Ödland zwischen den beiden Bergmassiven, das nur wenig Wasser für Menschen und Lokomo‧tiven bot. Einer so unwirtlichen Landschaft sollten nun Einschnitte und Dämme, Tunnels und Brücken, Bauplätze für Lokschuppen, Güterhallen und Personenbahnhöfe abgerungen werden. Den Erfolg dieses Unterfangens hielt so mancher Zeitgenosse für unmöglich.




