Im ersten Moment mag es erstaunen, dass Spanien im 16. und 17. Jahrhundert so viele innovative Künstler hervorgebracht hat: Die Enge des Hofzeremoniells und die allgegenwärtige Inquisition müssten der künstlerischen Freiheit doch im Weg gestanden haben. Aber gerade die beherrschende Stellung von Hof und Kirche und deren Drang nach Selbstdarstellung waren es, die die Auftragsbücher füllten.
Das beste Beispiel hierfür ist Diego Velázquez (1599–1660). Geboren in Sevilla, der wirtschaftlichen Metropole der Iberischen Halbinsel, verdiente er sein Geld als jünger Künstler mit religiösen Auftragsarbeiten. Daneben schuf er mit seinen bodegones einzigartige Zeugnisse des andalusischen Alltagslebens. Doch Velázquez wollte mehr: Er hoffte, in Madrid Philipp IV. porträtieren zu können. Dazu kam es nicht, aber eine der Arbeiten, die er dort schuf, beeindruckte den Ersten Minister des Königs. So bekam er seine zweite Chance. In kürzester Zeit stieg Velázquez zum bevorzugten Maler des Hofs auf. Sein Lehrer schrieb erstaunt: „Unglaublich, mit welcher Großzügigkeit und Liebenswürdigkeit Velázquez von einem so großen Monarchen behandelt wird. Er hat eine Werkstatt in der Galerie des Königs, zu der Seine Majestät den Schlüssel hat und in der stets ein Sessel für ihn bereitsteht, so dass er Velázquez nach Belieben beim Malen zusehen kann, was er fast täglich tut.“
Dabei schmeichelte Velázquez dem König und seiner Familie nicht mit dem Pinsel: Er malte sie so, wie sie waren, doch er stellte sie nicht bloß. Dies gilt auch für seine Porträts der Hofzwerge. Gerade bei diesem Sujet könnte man meinen, Velázquez würde sie der Lächerlichkeit preisgeben. Doch das tut der Künstler nicht; er lässt auch diesen Menschen ihre Würde. Velázquez war nicht nur als Maler rastlos tätig, sondern versah zudem eine Reihe von Hofämtern. Bereits 1627 wurde er Vorschneider an der königlichen Tafel, 1652 folgte die Ernennung zum König‧lichen Kämmerer. Die Krönung dieser beispiel‧losen Karriere war die Aufnahme des Künstlers in den Orden von Santiago. Damit gehörte Velázquez zur gesellschaftlichen Elite Spaniens.
Wie stolz der Künstler auf seine Ritterwürden war, zeigt sein berühmtestes Bild: „Las Meninas“ („Die Hoffräulein“). Tatsächlich zeigt es den Künstler selbst an der Staffelei, wie er die Infantin Margarita porträtiert. Die Infantin ist umgeben von den – später namengebenden – Hoffräulein, die sie offensichtlich für das Porträt herrichten. Im Vordergrund hat Velázquez zwei Hofzwerge und einen schlafenden Hund plaziert, dahinter eine sogenannte Ehrendame und einen Wächter. Blickt man auf die Rück‧seite des Raums, sieht man einen im Türrahmen stehenden Mann, den Hofmarschall José Nieto. Offensichtlich steht die ganze Gruppe vor einem großen Spiegel, und Velázquez hat ebendas gemalt, was er in dem Spiegel sieht. Gleichsam als heimliche Beobachter hat der Maler das Königspaar ins Bild gerückt. Sie sind schemenhaft in einem kleineren Spiegel an der Rückseite des Raums zu sehen. Für das Verständnis von Velázquez ebenso spannend wie diese Komposition ist, wie er sich selbst dargestellt hat: Er trägt die Tracht der Ritter des Ordens von Santiago. In der rechten Hand hält der Künstler den Pinsel, den er in Richtung der Palette zu führen scheint. Doch hält er ihn so demonstrativ vor das Santiago-Kreuz, dass man dies als weiteren Fingerzeig auf seine Karriere deuten mag.




