Im Alten Orient verwendete man Roll- und Stempelsiegel. Sie waren von kleiner zylindrischer oder stempelförmiger Gestalt und trugen figürlichen Darstellungen, die der Siegelschneider als negatives Bild in Gesteine oder Mineralien – nicht selten Lapislazuli oder Halbedelsteine – eingravierte. Auf feuchten Tontafeln und Tonverschlüssen abgerollt, hinterließen die Siegel Abdrücke, die bei Ausgrabungen in großer Anzahl ans Tageslicht kamen.
Ihre wichtigste Verwendung fanden die Siegel in Wirtschaft und Verwaltung. Erhielt ein assyrischer Händler eine Lieferung von Weingefäßen, so quittierte er den Empfang mit seinem Siegel. Siegel standen auch für die Authentizität des gesiegelten Objekts ein und bürgten für die Qualität des versiegelten Inhalts. Sie verliehen ihren Besitzern Autorität und Verfügungsgewalt. Bis in unsere Zeit sind Siegel (in Form der Behördenstempel) Ausdruck der exekutiven Staatsgewalt.
Siegel waren aber vielmehr als im Geschäftsleben eingesetzte Alltagsobjekte, sondern hatten auch symbolische Bedeutung: Wie wir aus Omen-Texten erfahren, wurde mit ihnen sinnbildlich der Herrscher getötet, den Göttern Tribut gezollt und Magie vollbracht.
In Assur haben Archäologen zahlreiche Siegel aus unterschiedlichsten Besiedlungsphasen in Wohngebieten, Tempeln und Gräbern gefunden. Ihre figürlichen Darstellungen umfassen ein weites Spektrum an Motiven und spiegeln das Weltbild der damaligen Menschen wider. Wir erkennen Götter wie die kriegerische Ischtar und den Wettergott Adad. Auch pittoreske Mischwesen, etwa geflügelte Sphinxen und Schlangendrachen, bevölkern die Bilderwelt; sie zählten zu den besiegten Begleitern der Götter, und man schrieb ihnen Übel abwehrende Kräfte zu. Rituelle Szenen verweisen auf Kult und Religion, so wenn ein Priester oder Beter eine Flüssigkeit ausgießt; Verehrungsszenen zeigen einen Beter in andächtiger Haltung vor einer Gottheit. Alle Motive spiegeln den geordneten, nach sinnvollen Gesetzen gelenkten Kosmos wider.
Der Reichsgott Assur wurde nur selten dargestellt, wenn überhaupt, dann in der Regierungszeit Sanheribs – und zwar als assyrische Personifikation des babylonischen Hauptgottes Enlil, so daß er seinen Status als universeller Gott nicht einbüßte. 500 Jahr früher, unter dem mittelassyrischen Herrscher Tukulti-Ninurta I., stieg der ursprünglich im benachbarten Babylonien beheimatete Ninurta stieg zum Sohn des Assur und Kriegsgott auf. Er galt als der Besieger von Ungeheuern par excellence und spielte dadurch eine wichtige Rolle für die Ideologie des Königtums…
Claudia Fischer





