Der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess war nicht nur ein juristisches Schlüsselereignis, sondern auch ein Meilenstein der internationalen Medienöffentlichkeit. Erstmals begleiteten Hunderte Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt ein internationales Strafverfahren – mit Berichten für Zeitungen, Radiostationen und Magazine, die Millionen Menschen erreichten. Dass dieses globale Echo lange kaum erforscht wurde, ist erstaunlich. Ebbo Schröder legt nun eine quellengestützte Studie vor, welche die journalistische Praxis in Nürnberg analysiert.
Im Zentrum steht die Berichterstattung westlicher Medien: BBC, Associated Press (AP), „Time Magazine“, „The New Yorker“, „The Times“. Auf Basis internationaler Archivrecherchen rekonstruiert Schröder redaktionelle Strukturen, Entscheidungsprozesse und die Wechselwirkungen zwischen Gerichtssaal, Korrespondenten und Redaktionen. Besonders überzeugend ist die Analyse der BBC, deren Berichtspraxis durch staatliche Vorgaben und formalisierte Routinen geprägt war. Auch die Rolle von Auslandskorrespondentinnen in einem männerdominierten Feld wird differenziert herausgearbeitet.
Schröder verknüpft seine Fallstudien mit Ansätzen der Kommunikationsforschung. Die „journalistische Praxis“ erscheint als mal mehr, mal weniger strukturierter Aushandlungsprozess zwischen Informationsfluss, institutionellen und journalistischen Normen und politischem Erwartungsdruck der Akteure: den weit vom Geschehen entfernten Redakteuren und den Korrespondenten vor Ort. Die Darstellung ist analytisch dicht, dabei gut lesbar und methodisch transparent. Das Buch zeigt eindrucksvoll, wie stark journalistische Deutungsmuster – Typisierungen, Dramaturgien, Auslassungen – die internationale Wahrnehmung Nürnbergs prägten.
Trotz des Untertitels bleiben blinde Flecken. Die deutsche Nachkriegspresse wird ebenso wenig berücksichtigt wie die sowjetische, französische oder osteuropäische – obwohl Nürnberg als internationales Tribunal konzipiert war und auch zur re-education der Deutschen beitragen sollte. Besonders gravierend ist die Auslassung der sogenannten Lochner-Version der geheimen Hitler-Rede vom 22. August 1939, der wichtigsten historischen Quelle zu den Plänen Hitlers, einen globalen Angriffskrieg zu führen, in dessen Verlauf Völkermorde zur Weltherrschaft des Nationalsozialismus führen sollten. Der langjährige AP-Korrespondent Louis P. Lochner spielte eine Schlüsselrolle bei der Sicherung dieses Dokuments, das Hitlers Kriegs- und Vernichtungspläne bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges offenlegte. Die Rede wurde 1954 veröffentlicht und war bereits 1945/46 in Nürnberg bekannt – und Lochner als Korrespondent vor Ort. Dass Schröder diese zentrale Quelle und ihre journalistisch-politische Vorgeschichte nicht einbezieht, ist eine verpasste Chance.




