Die Idee werde “bey hiesiger gantzen Stadt eine unbeschreibliche Furcht, Perplexität und Kleinmüthigkeit” auslösen – wer sich da im Jahr 1695 in einem langen Schreiben an den Kaiser grellster Farben und geradezu apokalyptischer Schilderungen bediente, war niemand geringeres als der Magistrat von Breslau, sonst eher einer bedächtigen Sprache verpflichtet. Die “Idee” aber war die Gründung einer Jesuitenuniversität in der protestantischen Stadt.
Schon während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) hatte in dem von den Habsburgern regierten Schlesien eine rigorose Gegenreformation eingesetzt. Nach und nach waren die schlesischen Einzelherrschaften und Städte rekatholisiert worden, nur wenige konnten protestantisch bleiben – darunter Breslau. Die Stadt duldete aber seit jeher eine katholische Minderheit samt Bischof in ihren Mauern, und auch die Verwaltung war mit katholischen Beamten und konvertierten Karrieristen besetzt.
Zwar blieben den Bürgern Zwangseinquartierungen kaiserlicher Truppen – die in aller Regel zu Massenbekehrungen führten – erspart, doch sah sich Breslau bald einem kaum weniger bedrohlichen Instrument der Gegenreformation ausgesetzt: der Gesellschaft Jesu. Der Jesuitenorden hatte seit seiner Gründung 1540 eine enorme personelle und räumliche Ausweitung erfahren und den katholisch beherrschten Teil Deutschlands mit einem Netzwerk von Niederlassungen überzogen. Nicht zuletzt wegen seiner strengen Disziplin und des hohen Bildungsstands seiner Mitglieder war der offensiv auftretende Orden sehr erfolgreich. Die allerorten eingerichteten Jesuitengymnasien dienten zur Ausbildung des Nachwuchses und zur Stärkung der katholischen Jugend. Zudem übernahmen Jesuiten Lehrstühle an deutschen Hochschulen, und nach und nach gelangten auf diese Weise die theologischen und philosophischen Fakultäten katholischer Universitäten weitgehend in jesuitische Hand. Über 100 Jahre sollte der Orden die katholische Bildungsgeschichte entscheidend bestimmen.
Auch in Breslau konnten die Jesuiten Fuß fassen: An einem Februarmorgen des Jahres 1638 ließ die Stadtwache die Kutsche eines hohen kaiserlichen Beamten ohne Inspizierung passieren. Darin schmuggelten die Katholiken zwei Mitglieder des Ordens in die Stadt, die zunächst in einer katholischen Kirche Asyl fanden und sofort mit einer offensiven Predigttätigkeit begannen. Der Magistrat wagte nicht, sie mit Gewalt zu vertreiben. Aus katholischer Sicht war damit in Breslau der Anfang gemacht.
Wenig später richteten die Jesuiten in der Stadt ein provisorisches Kolleg samt Schule ein. Regelmäßige Predigten blieben nicht ohne Wirkung, die Konversionen zum Katholizismus nahmen stetig zu, auf den Kanzeln bekämpften sich die Prediger beider Religionen, in den Straßen die Schulkinder der Jesuiten und der protestantischen Gymnasien. Wenn sich schon die Patres nicht aus der Stadt entfernen ließen , so wollte der Magistrat wenigstens ihre weitere Ausbreitung verhindern. Mit Gutachten und Gesandtschaften stritt er jahrzehntelang gegen Jesuiten und kaiserliche Verwaltungsbehörden um einen Standort für Kolleg und Schule. Dabei verliefen die Fronten nicht immer entlang des konfessionellen Grabens: Einmal sah es so aus, als würden die Jesuiten ein Franziskanerkloster in der Stadt übernehmen können. Die verbliebenen Franziskaner jedoch verbündeten sich mit den Protestanten, eine wütende Volksmenge verhinderte die Räumung und belagerte die Jesuiten in ihrem provisorischen Kolleg. Der Breslauer Magistrat mußte Stadtsoldaten zum Schutz der Jesuiten abstellen.




