von TAMARA WORZEWSKI
Ich rate meinem Bekanntenkreis, von Reiswaffeln vorerst Abstand zu nehmen“, sagt Stephan Clemens von der Universität Bayreuth. Seit er gemeinsam mit Britta Planer-Friedrich hohe Konzentrationen der Arsenverbindung Dimethylmonothioarsenat (DMMTA) in sämtlichen untersuchten Reiswaffeln nachwies, herrscht Verunsicherung. Denn in Zelltoxizitätsstudien, also in Petrischalen-Experimenten zur Giftigkeit, schädigt DMMTA Menschenzellen erheblich. Ob sich daraus aber eine Gesundheitsgefährdung für Menschen ableiten lässt, ist unklar, und die Risikoermittlung wird wohl dauern. Anders ist das bei berüchtigteren Arsenverbindungen.
Denn wer „Arsen“ hört, denkt wohl zunächst an die Giftmorde klassischer Kriminalromane wie die von Agatha Christie. Umgangssprachlich hält der Name für hochgradig giftige Arsenspezies her wie das weiße Arsenoxid „Arsenik“. Diese äußerlich dem Kochsalz oder Zucker ähnelnde Arsenverbindung diente bereits in der Spätantike als Mordgift.
Dabei kommt das chemische Element Arsen mit der Ordnungszahl 33 und dem Symbol „As“ in etwa 1.000 verschiedenen chemischen Verbindungen vor, von denen viele weniger bedenklich für die menschliche Gesundheit sind. „Arsen“ ist also nicht gleich „Arsen“ und verlangt nach einer Differenzierung. Schließlich kommen einige Arsenverbindungen auch natürlicherweise in Lebensmitteln vor – vor allem in Reis, dem Hauptnahrungsmittel für viele Milliarden Menschen.
Unterschiedlich giftig
Bezüglich seiner Toxizität teilt man Arsen in seine organischen und anorganischen Verbindungen. Organische Arsenverbindungen enthalten Kohlenstoffatome, anorganisches Arsen (iAs, inorganic As) hingegen nicht. Letzteres kann krebserregend für Menschen sein. Das hat die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC, eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, bereits 1987 festgestellt.
2009 veröffentlichte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine wissenschaftliche Risikobewertung für iAs. Dafür stand eine umfangreiche Datengrundlage zur Verfügung, denn es gibt weltweit sehr viele Menschen, die anorganischem Arsen im Trinkwasser ausgesetzt sind. Daraufhin legte die EU-Kommission 2017 gesetzliche Grenzwerte fest, die auch die erlaubten iAs-Höchstgehalte in Reis und Reisprodukten regulieren. Demnach dürfen sich beispielsweise in einem Kilogramm Reiswaffeln, -kräckern, -kuchen oder -keksen maximal 0,30 Milligramm iAs befinden.
Für organisches Arsen hingegen gibt es keine Grenzwerte. Es analytisch zu identifizieren, ist einerseits komplizierter als bei iAs, andererseits bestand lange kein Anlass zur Regulierung. Organische Verbindungen wie Dimethylarsenat (DMA) galten nämlich als eher unbedenklich, und andere organische Verbindungen hatte man nicht gefunden. Man ging sogar davon aus, dass die schwefelhaltige organische Arsenverbindung DMMTA nur synthetisch herstellbar sei und nicht natürlich vorkäme. Dabei war DMMTA mit der gängigen Analytik nur nicht nachweisbar und „versteckte“ sich hinter dem Messergebnis des unbedenklichen DMA – sozusagen ein blinder Fleck. Anders als DMA gehört DMMTA zu den sogenannten Thioarsenaten: Arsenverbindungen, die Schwefel enthalten.





