Bei Hilde S. kündigt sich schon wieder eine schmerzhafte Blasenentzündung an – und das, obwohl sie erst vor knapp zwei Monaten eine ähnliche Infektion scheinbar erfolgreich mit einem Antibiotikum behandelt hatte. Tatsächlich hatte damals jedoch eine kleine Gruppe von Bakterien, Persister genannt, in eine Art Stand-by-Modus geschaltet, in dem ihr Stoffwechsel nahezu vollständig heruntergefahren war. Daher konnte ihnen das Antibiotikum nichts anhaben, denn es wurde gar nicht in die Bakterienzellen hineintransportiert. Erst nach dem Ende der Therapie wurden die Mikroben wieder munter und begannen erneut, sich in den Harnwegen der 79-Jährigen zu vermehren.
Den renitenten Bakterien kann man möglicherweise mit einer verblüffend einfachen Methode zu Leibe rücken, hat ein US-Forscherteam entdeckt: Man gibt ihnen Zucker – und weckt sie mit dem Energieschub aus dem Dämmerschlaf auf. Im Labor funktioniert das wunderbar: Wo das Antibiotikum Gentamicin alleine praktisch nichts ausrichtete, killten die Forscher mit der Kombination aus Gentamicin plus Fruktose, Glukose oder dem Zuckerersatzstoff Mannitol nahezu alle Bakterien einer E.-coli-Kultur. Und bei Mäusen, denen mit Bakterien verunreinigte Katheter in die Harnwege eingesetzt worden waren, ging die Infektion deutlich zurück, wenn die Bakterien gleichzeitig mit Zucker und Antibiotikum gefüttert wurden.
Vor allem diesen Befund findet Manfred Höfle, Bakteriologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, sehr spannend. Bevor man die Idee allerdings endgültig bewerten könne, müssten dringend klinische Untersuchungen her. Er ist zudem skeptisch, ob sich das Prinzip auf andere Krankheiten übertragen lässt. Die Amerikaner haben nämlich auch Lungenentzündungen bei Mukoviszidose, den Krankenhauskeim Staphylococcus aureus und die Tuberkulose im Visier.
„Das Hauptproblem ist, das Futter und das Antibiotikum gleichzeitig in ausreichenden Mengen dorthin zu bekommen, wo die Bakterien sind”, sagt Höfle. In den Harnwegen sei dies vielleicht zu bewältigen – bei größeren Infektionsherden oder in der Lunge werde es jedoch schwierig. Studienleiter Kyle Allison von der Boston University sieht das Problem ebenfalls und setzt auf neue Materialien, mit denen sich Zucker und Wirkstoff gezielt an den Infektionsort bringen lassen. Aktuell suchen er und seine Kollegen jedoch erst einmal nach Partnern für die klinischen Studien. Sollte sich das Prinzip dort bewähren, hätten die Wissenschaftler ein äußerst wertvolles Werkzeug in der Hand, mit dem sich die stumpf gewordene Waffe gegen Bakterien wieder scharf machen ließe.





