Einen ganz ähnlichen Ansatz wählt auch Uwe Schultz, der schon mit mehreren Werken zum Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts hervorgetreten ist. Er erzählt Casanovas Leben von den Kindertagen in Venedig bis zu seinem Tod auf Schloss Dux in Böhmen, im Wesentlichen auf der Grundlage der Memoiren Casanovas. Dieser wuchs als Sohn eines Schauspielerehepaars, das in ganz Europa unterwegs war, bei seiner Großmutter auf. Dass seine lebenslange Unfähigkeit, dauerhafte Bindungen einzugehen, mit dieser Distanz zu seinen Eltern zu tun hatte, liegt zumindest nahe. Über die ersten acht Lebensjahre des Jungen weiß man wenig. Casanova schreibt, er habe an einer rätselhaften Krankheit mit unstillbaren Blutungen gelitten, die sein Erinnerungsvermögen stark beeinträchtigt habe und von der er mit Hilfe magischer Praktiken geheilt worden sei. Danach kam der begabte und ehrgeizige Giacomo schnell voran; mit 16 Jahren war er Doktor beider Rechte, wenig später Priester in Venedig. Sein Aufstieg in höhere Adelskreise schien durch Protektion möglich, allein, seine zahlreichen amourösen Eskapaden und seine Spielsucht vereitelten ihn in der Lagunenstadt wie anderswo.
Schultz schildert lebhaft und anschaulich die an Dramatik reichen Geschicke und Liebschaften Casanovas. Wir finden ihn als Fähnrich in Konstantinopel, als wegen blasphemischer Äußerungen in den Bleikammern Venedigs Inhaftierten, dem die Flucht gelingt, als zeitweise erfolgreichen Finanzmann und immer wieder als unermüdlichen Reisenden zu den Höfen Europas, wo er vergeblich auf eine Anstellung hoffte. Er blieb Abenteurer und Glücksritter: Den vielversprechenden Chancen folgten jähe Abstürze und Skandale, Haft oder überstürzte Ortswechsel. Bemerkenswert ist der kritische Geist Casanovas, der sich zu den Freimaurern hingezogen fühlte, sich mit der Kabbala befasste und sich über gängige Moralvorstellungen ebenso hinwegsetzte wie über religiöse Bindungen.
Allerdings fragt man sich, wie zuverlässig eigentlich die vielen Geschichten sind, die Casanova selbst erzählt. Schultz scheint dem Autor in vielem Glauben zu schenken. Zu Recht? Eine grundsätzliche Reflexion über die Eignung von Memoiren als historische Quelle wäre angebracht gewesen. Zudem gibt es wohl eine Chronologie, jedoch fehlt eine Literaturliste mit Anregungen zum Weiterlesen.
Rezension: Dr. Heike Talkenberger




