Ich stelle mich auf die Waage, greife dann zu Stift und Papier und rechne. Das Ergebnis: 22,8. Das bedeutet: Ich bin nur noch 2,2 Punkte von den bedrohlichen 25 entfernt. Sobald ich diese erreiche, gelte ich laut BMI-Tabelle als fettleibig. Und es fällt mir immer schwerer, mein Gewicht zu halten. Je älter ich werde, desto langsamer arbeitet mein Stoffwechsel.
Allerdings ist der Body Mass Index (BMI) eine sehr grobe Schätzung. Er wird nur deshalb gern berechnet, weil das mit einfachen Mitteln möglich ist. Man braucht dazu neben dem Alter nichts weiter als das Gewicht und die Körpergröße. Doch der BMI unterscheidet nicht zwischen Fett- und Muskelmasse. Arnold Schwarzenegger hat angeblich einen BMI von über 30. Dazu kommt: Fett ist nicht gleich Fett. Es kommt darauf an, wo es sitzt. Der Stoffwechsel im Oberschenkel-fett vieler Frauen ist ein anderer als der im typisch männlichen „Bierbauch”. Und äußerlich schlanke, aber körperlich inaktive Menschen sammeln oft Fett zwischen den inneren Organen an. Dieses viszerale Fett ist besonders ungesund. Für den Einzelnen ist der BMI also nicht besonders aussagekräftig. Für die großen Stichproben von Epidemiologen aber schon.
Und die sagen: Unterm Strich werden wir immer dicker. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind etwa 1,4 Milliarden Menschen übergewichtig, Tendenz steigend. Der Grund für die Verfettung: Wir essen zu viel und bewegen uns zu wenig. Unser Stoffwechsel ist darauf ausgerichtet, Hungerperioden zu überstehen. Aus evolutionärer Sicht ist das sinnvoll. Doch heute gibt es in vielen Ländern der Welt ein Überangebot an Nahrung – die Energiebilanz ist nicht ausgeglichen. Wir sind chronisch überfüttert. Nicht nur Europäer und Amerikaner tragen überflüssige Pfunde mit sich herum. Der WHO zufolge sind auch Nord-, Mittel- und Südamerika, die südlichen und westlichen Pazifikinseln sowie Australien und einige Länder Afrikas von der „ Epidemie” betroffen (siehe Karte auf S. 22). Forscher um Ian Roberts von der London School of Hygiene and Tropical Medicine haben 2012 berechnet, dass die Menschen weltweit 18,5 Millionen Tonnen überflüssigen Speck mit sich herumtragen. Das entspricht der Masse von 298 Millionen normalgewichtigen Menschen. Zeit, dass es ein Rezept gegen Übergewicht gibt.
Schieflage im Energiehaushalt
Den Übergewichtigen drohen nämlich nicht nur Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, steigt. Krebsforscher wissen schon lange um diese Gefahr. Doch erst in den letzten zehn Jahren haben die alarmierenden Zahlen der Epidemiologen auf das hohe Gefahrenpotenzial der überflüssigen Pfunde aufmerksam gemacht. Heute geht die WHO davon aus, dass in den westlichen Ländern etwa 30 Prozent aller Krebsfälle auf ungünstige Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten zurückgehen. Besonders die Tumore, die die Krebsstatistiken in Deutschland anführen, etwa Darm- oder Brustkrebs, sind vom Körpergewicht beeinflussbar. Doch auch viele weitere Tumore hängen mit einer Schieflage im Energiehaushalt zusammen, etwa Nieren-, Speiseröhren-, Gebärmutterschleimhaut-, Bauchspeicheldrüsen- und Leberkrebs. „Da rollt eine Epidemie auf uns zu”, warnt Otmar Wiestler, Leiter des DKFZ. „Fettleibigkeit müssen wir als Krebsursache mindestens so ernst nehmen wie Rauchen.”
Weltweit beschäftigen sich bislang nur wenige Forscher mit den molekula-ren Zusammenhängen von Übergewicht und Krebs. Sie arbeiten mit sogenannten Mausmodellen: genetisch veränderten Mäusen, die dazu neigen, an bestimmten Tumoren zu erkranken – zum Beispiel an Leberkrebs. Einer dieser Forscher ist Stephan Herzig, Leiter der Abteilung Molekulare Stoffwechselkontrolle des DKFZ. „ Ich beschäftige mich damit, inwiefern Stoffwechselstörungen wie Übergewicht, Diabetes, Fettleber und Insulinresistenz das Tumorwachstum beeinflussen”, erklärt Herzig. „Einige Prozesse haben wir schon sehr gut verstanden.”
Herzig und sein Team haben Mäuse in zwei Gruppen unterteilt und die eine Gruppe normal, die andere mit fettreicher Nahrung gefüttert. Resultat: Die ungesund ernährten Tiere wurden rasch übergewichtig und bekamen viel mehr und viel größere Tumore als die Tiere in der Vergleichsgruppe. Was war der Grund?
Eine wesentliche Rolle beim Tumorwachstum spielen Hormone, beispielsweise Insulin, das bei Stoffwechselstörungen wie Adipositas oder Typ-2-Diabetes in rauen Mengen im Blut zirkuliert. Insulin dient normalerweise dazu, den Blutzuckerspiegel zu senken, indem es dem Zucker den Durchtritt ins Zellinnere ermöglicht. Aber bei einer durch eine Stoffwechselerkrankung hervorgerufenen Insulinresistenz sind die Körperzellen weniger empfindlich gegenüber Insulin. Die Folge: Die Bauchspeicheldrüse produziert immer größere Mengen des Hormons. Doch Insulin ist auch ein Wachstumsfaktor, der die Zellteilung vorantreibt – unglücklicherweise auch die von Krebszellen.
Fettgewebshormone, sogenannte Adipokine, kurbeln das Wachstum von Tumoren ebenfalls an. „Fettgewebe produziert eine Unmenge an Hormonen”, sagt Herzig. Das bekannteste ist der Appetitzügler Leptin, den unsere Fettpolster immer dann ausschütten, wenn wir etwas gegessen haben. Sobald der Botenstoff im Gehirn angekommen ist, übermittelt er ein Sättigungssignal. Ist das Signal stark genug, hören wir auf zu essen. Das ist bei stark adipösen Menschen anders. „Übergewichtige regieren weniger empfindlich auf Leptin, schütten aber mehr davon aus”, erklärt Herzig. Fettleibige haben auch mehr Immunzellen im Fettgewebe, die Entzündungsboten aussenden. Herzig: „Starkes Übergewicht ist eine Art chronischer Entzündungszustand des ganzen Körpers.” Auch das kann das Tumorwachstum antreiben.
Bislang gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass Fettleibigkeit Krebs direkt auslösen kann. Doch im Lauf des Lebens sammeln sich Mutationen im Erbgut an, zum Beispiel beim Sonnenbaden. Ob das Krebs zur Folge hat, hängt unter anderem vom individuellen Stoffwechselzustand ab. „Bei Übergewicht könnten veränderte Signalketten dazu führen, dass bereits vorhandene Gen-Defekte eher zum Ausdruck kommen”, sagt Herzig.
Eine Herausforderung der Zukunft ist es herauszufinden, wie einzelne Stoffwechselkomponenten mit bestimmten Tumorarten in Verbindung stehen. „Fettleibigkeit ist ein Überbegriff für verschiedene Defekte wie zu viel Zucker, zu viel Insulin oder zu viel Leptin”, erklärt Herzig. Übergewicht beeinflusst nicht alle Krebsarten gleichermaßen. Beim Prostatakarzinom beispielsweise wirken zusätzliche Kilos offenbar sogar schützend. Woran das liegt, weiß bislang niemand. Herzig betont: „Eine genaue Kenntnis der Wirkungsweise einzelner Signalmoleküle würde eine individuelle Krebsbehandlung ermöglichen.”
Wer viel isst, hat dicke Zellen
Der Kampf gegen die Kilos ist schwer. Wer es probiert hat, fürchtet den berüchtigten Jojo-Effekt. Der hat damit zu tun, dass die Zahl der Fettzellen individuell zwar unterschiedlich ist, im Laufe des Lebens aber relativ konstant bleibt. Somit haben manche Menschen tatsächlich eine gewisse Veranlagung zur Fettleibigkeit. Was allerdings schwankt, ist die Größe der Fettzellen: Wer viele Kalorien zu sich nimmt, hat dicke Zellen. Die Lösung wirkt unglaublich simpel: Wir müssen weniger essen und mehr Sport treiben. Doch die Statistik zeigt deutlich, dass wir uns extrem schwer damit tun.
Forscher um Stephan Herzig haben sich daher mit 19 Laboren aus 12 Ländern in einem Forschungskonsortium namens DIABAT zusammengefunden, um ein Rezept gegen Übergewicht zu entwickeln. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sie das braune Fettgewebe bei erwachsenen Menschen vermehren oder aktivieren können, um Fettleibigkeit zu bekämpfen. Anders als das weiße Fett, das als Energiespeicher dient, verbrennt das braune Fett Kalorien und reguliert so den Wärmehaushalt von Babys.
Erst seit Kurzem ist bekannt, dass auch Erwachsene braunes Fettgewebe haben. Allerdings kommt der „Energiefresser” bei ihnen nur in geringen Mengen vor. Doch die braunen Zellen sind extrem potent: Nur wenige Gramm reichen aus, um den Energieumsatz um ein Vielfaches zu steigern.
2010 veröffentlichte Herzig im renommierten Fachmagazin „ Science” einen Beitrag zum braunen Fett. Er hatte herausgefunden, dass das körpereigene Entzündungshormon Prostaglandin im weißen Fettgewebe die Entstehung von braunen Zellen anregt. Seine Vision: Adipösen Menschen weißes Fettgewebe entnehmen, in der Petrischale die Bildung von braunem Gewebe mit Prostaglandinen anregen und diese dann zurück transplantieren.
DIABAT vereint die Expertise von Stoffwechselforschern, Molekularbiologen, Ernährungsexperten, Klinikern und Radiologen. Die Europäische Union fördert das Projekt mit sechs Millionen Euro. Vielleicht gibt es bald tatsächlich eine Art Pille gegen Übergewicht. •
bdw-Redakteurin Claudia C. Wolf ist überzeugt, dass sich Übergewicht ganz einfach durch Sport vermeiden lässt.
von Claudia Christine Wolf





