“Das ist die Motorrad-Horde von Moabit. Die Burschen haben Lumberjacks an, grelle Pullover und bunte Schals. Ihre Mädchen, die sie Puppe nennen, sind genauso angeberisch angezogen: enge Hosen und Pullover. Die ‚Halbstarken’ haben ihre eigene Sprache. Sie sprechen laut und spucken große Töne. Getanzt wird mit einer Heftigkeit, daß die Haare fliegen. Die Horde hat ungefähr 30 Mitglieder, Burschen und Mädchen. Sie sind alle Arbeiter oder Handwerker. Horden wie diese gibt es mehrere in Berlin. Sie haben alle dieselbe Leidenschaft: Motorräder. Sie versetzen ganze Stadtviertel in Schrecken, überfallen Mädchen, pöbeln Passanten an.” Die Reporter der Illustrierten “Quick”, die im April 1956 von diesen Zeiterscheinungen berichteten, waren entsetzt: “Die Halbstarken sind gewalttätig und renommiersüchtig, flegelhaft und dem Rausch der Geschwindigkeit verfallen – und alles aus demselben Grund. Ihre Körper wachsen schneller als die ihrer Eltern gewachsen sind. Doch ihre Seele – das, was einen Menschen zum Menschen macht – bleibt die eines Kindes.”
Die Zeitgenossen waren vor allem von der Plötzlichkeit, mit der dieser jugendliche Übermut 1956 über die Bundesrepublik hereinbrach, überrascht und tief verunsichert. Dabei hatten aufmerksamere Beobachter wie etwa Karl Bednarik schon 1953 den sich abzeichnenden gesellschaftlichen Wandel beschrieben. In seinem Buch “Der junge Arbeiter von heute – ein neuer Typ” befand er, dieser sei “in Reinkultur nicht in geschlossenen Organisationsformen zu finden. Was vor allem auffällt, ist die zuweilen geradezu exzentrische Aufmachung und die Art, sich bloß flüchtig in Rudeln zu formieren. Ob es dabei um freistilringerische oder erotische Kraftmeiereien geht, um Motorradfahrten, Jazzplatten, Modefragen, Bandenstreitereien oder allgemeine Themen, der ältere Mensch jedenfalls wird dem dabei gebräuchlichen Klang zumeist nicht richtig zu folgen verstehen.”
Daß es sich hier um eine jugendliche Subkultur handeln könnte, kam keinem Kommentator in den Sinn. Zutiefst waren ihre Urteile von den rigiden Moralvorstellungen der Adenauerzeit bestimmt – mit entsprechend lautem Ruf nach der starken Hand. So forderte etwa der Abgeordnete der CSU Junker bei einer Anfrage im Bayerischen Landtag die Brechung jeglichen Widerstands gegen die Staatsgewalt durch Halbstarke mit “bis an die Grenze des Gesetzlichen gehenden Mitteln”. Bei Vergehen und Verbrechen müsse “jeweils der schärfste Strafantrag” gestellt werden. Und ein 1956 erlassenes Gesetz richtete sich ausdrücklich gegen das bloße “nicht zur Erreichung eines Verkehrszieles” dienende Herumfahren. Im Bundestag nahm man Ende Oktober die “Halbstarken”-Krawalle zum Anlaß, über Sinn und Zweck staatlicher Fürsorge nachzudenken und ein zeitgemäßes Jugendschutzgesetz zu beraten. “Das Klima in der Öffentlichkeit,” so befand eine Abgeordnete der SPD besorgt, “ist zum Teil rücksichtslos, und es bietet in Hinblick auf die jungen Menschen vielerlei Gefährdungen, gegen die wir sie schützen müssen. Die Erziehungskraft der Familie ist oft geschwächt. Die Jugendlichen entwachsen schneller dem bergenden Raum.” Als besonders schädigende Einflüsse wurden “Film, Glücksspiel, Automaten” ausgemacht. Vor allem der Film sei “eine Erziehungsmacht von unübersehbarer Bedeutung”, aber leider “absolut lebensfremd”: “Der Filmkonsum ist umso intensiver, je weniger gesichert die Lebenssituation des Jugendlichen ist. Statistiken weisen eine erschreckende Häufigkeit des Filmbesuchs auf.”





