Vermeintlich gemütlich und jovial, tatsächlich aber selbstsüchtig, empathielos und brutal – so lässt sich Hermann Göring charakterisieren. Der von Hitler zum Nachfolger bestimmte schwergewichtige und morphinabhängige Multifunktionär, der Posten, Titel, Orden und geraubte Kunst sammelte, im Prunk lebte und sich gerne in verschiedenen Uniformen präsentierte, gehört zu den bekanntesten Gesichtern des „Dritten Reiches“. Nachdem es längere Zeit keine aktuelle Biographie mehr gab, hat Andreas Molitor nun eine neue veröffentlicht. Sie ist eine lohnenswerte Lektüre. Zunächst ist ihre Lesbarkeit hervorzuheben. Der Autor schreibt, was bei historischen Werken nicht immer der Fall ist, eingängig und interessant.
Ihm gelingt ein überzeugendes Psychogramm Görings. Er leitet her, wie sehr eine lieblose Kindheit und Jugend bei Göring jede Empathie verkümmern ließ. Stattdessen wuchsen Geltungssucht, Genusssucht, Rücksichtslosigkeit und Machtstreben. Als Kampfflieger im Ersten Weltkrieg hoch dekoriert, fiel Göring nach der Kriegsniederlage ins Bodenlose. Schon bald schloss er sich der NSDAP an und wurde zum SA-Chef. Bei der Teilnahme am „Hitler-Putsch“ wurde er verwundet und floh ins Ausland.
Nachdem er seine aufgrund körperlicher Schmerzen entwickelte Morphinabhängigkeit (zeitweise) überwunden hatte, begann Görings langsamer, aber steter Aufstieg, obwohl er kein hohes Parteiamt innehatte. Molitor beschreibt eindrücklich, wie sehr Göring vor der Ernennung Hitlers in einflussreichen Kreisen antichambrierte und wie rücksichtslos-effektiv er in den ersten Monaten des Jahres 1933 und dann erneut im Zuge des angeblichen „Röhm-Putsches“ agierte.
Göring war einer der Wegbereiter Hitlers und sorgte dafür, die Macht der Nationalsozialisten mit blanker Gewalt und Terror gegen Oppositionelle zu sichern. Er machte das ihm zugewiesene Land Preußen, in dem er das Geheime Staatspolizeiamt gründete, zum „Labor der Gleichschaltung“. Ab 1936 wurde er dann neben seiner Funktion als Luftfahrtminister und Luftwaffenchef auch mit der Aufgabe betraut, die deutsche Wirtschaft auf den Krieg hin auszurichten.
Doch war Göring, trotz allen Aktionismus, keinem seiner zahlreichen Ämter inhaltlich gewachsen. Von Aktenstudium oder regelmäßigen Aufenthalten in seinem riesigen Ministerium hielt er nichts. Die nötigen technischen und ökonomischen Fachkenntnisse besaß er auch nicht.
Die Alliierten klagten den „Nazi No. 2“ in Nürnberg auch wegen seiner einflussreichen Rolle im Holocaust an. Göring hatte schriftlich den Auftrag zur „Endlösung der Judenfrage“ erteilt und damit (mit anderen) die Weichen für die Ermordung von Millionen Juden gestellt.
Molitor zeigt eindrücklich die Abgründe und Verbrechen Görings. Er belegt, wie stark die Propaganda den zutiefst abgründigen und grausamen Charakter zu verschleiern verstand.
Rezension: Prof. Dr. Philipp Austermann
Andreas Molitor
Hermann Göring
Macht und Exzess. Eine Biografie
Verlag C. H. Beck, München 2025, 411 Seiten, € 32,–




