In der Nähe des Harder-Gletschers im Norden Grönlands bildete sich im Sommer 2014 innerhalb von nur zehn Tagen ein riesiger Krater: Auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern sackte das Eis 85 Meter in die Tiefe. Satellitenbilder dokumentieren die gewaltigen Kräfte, die hier am Werk waren: Rings herum ist das Eis von tiefen Rissen durchzogen und 25 Meter hohe Eisblöcke wurden offenbar herausgerissen und zu Seite geschleudert.

Schmelzwassersee unter dem Eis
„Als wir das zum ersten Mal sahen, dachten wir, dass etwas mit unseren Daten nicht stimmte“, berichtet ein Team um Jade Bowling von der Lancaster University in Großbritannien. „Bei näherer Betrachtung wurde jedoch klar, dass es sich um die Folgen einer gewaltigen Flut handelte, die unter dem Eis hervorgeströmt war.“ Einen Hinweis darauf geben die Satellitenbilder aus den Tagen und Wochen vor dem Ausbruch der Wassermassen sowie aus den Jahren danach: „Vor diesem Ereignis hatte sich die Oberfläche des Beckens gehoben und eine zehn bis 15 Meter hohe Kuppel über dem umgebenden Eis gebildet“, berichtet das Team. Auch nach dem Zusammenbruch hob sich die Eisoberfläche wieder nach und nach, bevor sie zwischen 2017 und 2019 erneut um etwa zehn Meter abfiel.
Laut Bowling und ihren Kollegen deutet dieses dynamische Verhalten darauf hin, dass sich unter der Eisoberfläche ein See aus Schmelzwasser befindet, der immer wieder anschwillt und sich bei zu hohem Druck ausbruchsartig seinen Weg an die Oberfläche bahnt. „Die Existenz von subglazialen Seen unter dem grönländischen Eisschild ist noch eine relativ neue Entdeckung, und wie unsere Studie zeigt, wissen wir noch nicht viel darüber, wie sie sich entwickeln und wie sie sich auf das Schelfeissystem auswirken können“, sagt Bowling.
Unerwarteter Ausbruch
Bisherige Modelle gingen davon aus, dass Schmelzwasser üblicherweise nach unten abfließt und schließlich ins Meer gelangt. Auch die subglazialen Seen verfügen über solche unter dem Eis verlaufenden Abflüsse, vermutete man. Die neuen Erkenntnisse offenbaren dagegen, dass das Schmelzwasser dieser Seen unter bestimmten Bedingungen auch nach oben drängen kann und große Schäden am Eisschild anrichten kann. Bei dem nun untersuchten Ausbruch im Sommer 2014 brachen 90 Millionen Kubikmeter Wasser hervor. Das entspricht etwa der Wassermenge, die bei voller Wasserführung in neun Stunden über die Niagarafälle stürzt, und macht diese Flut zu einer der größten jemals in Grönland registrierten subglazialen Überschwemmungen.





