Inzwischen ist Gesundheit komplizierter geworden, und der gesunde Menschenverstand musste so manche Prügel einstecken. Der französische Wissenschaftsphilosoph Gaston Bachelard hat einmal die Überzeugung geäußert, dass sich eine wissenschaftliche Erkenntnis dadurch auszeichnet, dass sie dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Als Beispiel dafür könnte der große Aristoteles genannt werden, der meinte, ohne Ablenkung durch experimentelle Beobachtung verkünden zu können, dass schwere Gegenstände schneller fallen als leichte. Als Galileo Galilei diesen Irrtum des Common Sense im 17. Jahrhundert korrigieren konnte, beunruhigte dies viele Denker nicht weiter.
Auch Immanuel Kant machte gern Gebrauch von den Qualitäten des Common Sense, um etwa zu behaupten, dass Kanonenkugeln ihre höchste Geschwindigkeit nicht bereits im Rohr, sondern erst nach dessen Verlassen bekommen – und ich vermute, dass sich niemand getraut hat, den großen Mann auf diesen kleinen Irrtum hinzuweisen: Er steht immer noch in seinen Büchern. Was den Verdacht nährt, dass es einige Philosophen gibt, die bis heute das Konzept der Trägheit in der Newtonschen Mechanik nicht ausreichend verstanden haben.
Doch nicht genug damit, dass der gesunde Menschenverstand zuweilen nicht mit der Wissenschaft übereinstimmt: Forscher in den USA haben in einer Studie über 4.000 Personen viele Sätze mit der Bitte vorgelegt, zu sagen, ob sie mit dem Common Sense übereinstimmen oder ihm widersprechen. Es ging um Sätze wie „Die Sonne geht im Osten auf“ oder „Es sollte eine Beschränkung für den Verkauf von alkoholischen Getränken auf Sportveranstaltungen geben“. Das Ergebnis: Es gab nur geringe Übereinstimmungen der Einschätzungen – was die meisten Befragten wunderte und den Common Sense nicht sehr common erscheinen lässt.
Wer jetzt wissen will, wozu in diesen Tagen solch eine Studie zum gesunden Menschenverstand und seinem Verständnis der Welt unternommen worden ist, bekommt zur Antwort, dass die Wissenschaftler damit die Modelle verbessern wollen, mit denen die künstliche Intelligenz jene Dinge erfasst, die um die Leute mit dem untersuchten Verstand herum passieren. Wenn Apparate mit künstlicher Intelligenz nämlich am Common Sense vorbei argumentieren, werden ihre Ergebnisse als weniger vertrauenswürdig eingestuft, wie zu lesen ist. Vielleicht steckt hier ein Grund für die verbreitete Skepsis der Wissenschaft gegenüber. Sie überfordert den gesunden Menschenverstand. Und ich glaube nicht, dass KI dabei helfen kann.





