Glaubt man den Aussagen vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dann bildet für sie das Formulieren von guten Fragen tatsächlich den Kern ihrer Tätigkeit. Dies umso mehr, da sie das Fragenstellen in einem Aufwasch sehen mit dem nachfolgenden Formulieren testbarer Hypothesen.
Fragen wir weiter: Womit erntet man in der Forschung Ruhm und Anerkennung – mit guten Fragen oder mit guten Antworten? Ganz klar, mit guten Antworten! Denn nur die kann man in unserem wissenschaftlichen Publikationssystem veröffentlichen, nur damit erzeugt man Aufmerksamkeit.
Eigentlich seltsam, dass es in der Wissenschaft vermeintlich wichtiger – und bisweilen sogar schwieriger – sein soll, die richtigen Fragen zu stellen.
Natürlich ist das alles nicht so schwarzweiß, wie es klingt. Gerade wenn eine wichtige Frage schon lange formuliert ist, ohne dass eine befriedigende Antworten geliefert werden kann – dann sammeln sich in der wissenschaftlichen Literatur Texte an, in denen der Schwerpunkt vor allem darauf liegt, die Frage zu präzisieren und weiter zu verfeinern. Zwar werden darin meist auch Hypothesen vorgestellt, die den Weg zu möglichen Antworten weisen sollen, aber im Zentrum steht vor allem das Bewusstmachen der wissenschaftlichen Frage mit all ihren Implikationen.
Schauen wir uns ein Beispiel an. Seit Jahrzehnten erscheinen immer wieder neue Artikel rund um die Frage „Warum machen Archaebakterien den Menschen nicht krank?“ In den 1970er-Jahren enthüllten molekularbiologische Untersuchungen, dass sich die Archaebakterien grundlegend von den „normalen“ Bakterien – den Eubakterien – unterscheiden. So sehr, dass die Archaeen, wie sie heute genannt werden, seitdem neben den Eubakterien und den zellkernhaltigen Eukaryoten als eine eigene, dritte Domäne zellulärer Lebewesen gelten.
Den meisten sind die Archaeen hauptsächlich als Bewohner extremer Lebensräume bekannt – etwa Geysiren, Salzseen oder heißen Schwefelquellen. Allerdings kennt man heute genügend Vertreter, die sich im und auf dem Menschen genauso wohlfühlen wie unsere eubakteriellen Mitbewohner. Und da die Artenvielfalt der Archaeen ähnlich groß zu sein scheint wie die der Eubakterien, erwartete man darunter auch den einen oder anderen humanpathogenen Übeltäter.
Doch so sehr die Forscher auch suchten, bis heute kennen sie keine einzige überzeugende Kausalbeziehung zwischen einem Archaeon und einer Krankheit. Allenfalls scheinen sie in Einzelfällen indirekt Krankheitsverläufe verstärken zu können, die kausal durch andere pathogene Organismen verursacht werden. Ebenso können sie sich in immungeschwächten Menschen vergleichsweise stärker ausbreiten. Aber als primärer Krankheitsverursacher konnte bislang kein einziges Archaeon dingfest gemacht werden.





