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Gesunde Erde
Der Kontakt mit Erdmikroben kann den Menschen vor Autoimmunerkrankungen schützen. Wie genau, ist Gegenstand der Forschung. Doch schon jetzt ist sicher: Wer gärtnert oder im Wald spazieren geht, tut sich etwas Gutes.
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von SUSANNE DONNER
Den Boden betrachten wir einerseits als unhygienisch, gleichbedeutend mit Dreck. Andererseits pflanzt der Mensch in diese Erde und pumpt Grundwasser aus ihr empor. In vielen Religionen und Kulturen gilt Mutter Erde sogar als Ursprung der Schöpfung. Von der aktuellen Forschung wird der Erdboden jedenfalls wieder in ein positives Licht gerückt. Denn die Erde, so wird immer deutlicher, ist ganz zentral für unsere Gesundheit.
Dabei geht es um mehr als lebensnotwendige Mineralien und Spurenelemente, die aus dem Erdreich in Nahrungsmittel und Wasser übergehen und den Menschen mit wichtigen Nährstoffen versorgen. Der Boden ist eines der größten Reservoire für Mikroben, Kleinstlebewesen wie Bakterien, Pilze, Viren und Phagen. Diese mikroskopische Vielfalt wirbelt permanent in die Luft, geht in Gemüse und Getreide über, legt sich auf unsere Haut und landet in unserem Haar. Sie bestimmt sogar das Mikrobiom des Menschen im Darm entscheidend mit.
Wie das Erdmikrobiom uns Menschen gesund hält, beginnen Forschende allerdings gerade erst zu verstehen. Offenbar balanciert es das Immunsystem so aus, dass Allergien, Asthma, Diabetes, rheumatoide Arthritis und andere chronische Erkrankungen seltener vorkommen. Das riesige Reich der Kleinstlebewesen ist einer von vielen Gründen, warum das Werkeln im Garten und auf dem Feld oder das Spazierengehen in der Natur so gesund sind. Es schützt vor kognitivem Abbau und unterstützt sogar die Behandlung von Schizophrenie und Depressionen.
Waldboden-Experiment im Kindergarten
Wie positiv beispielsweise Waldboden wirkt, demonstrierte die Umweltforscherin Marja Roslund von der Universität Helsinki in finnischen Kindertageseinrichtungen. Sie ließ 100 Kubikmeter Boden samt Zwergheiden, Heidelbeeren und Moos in drei Kindertagesstätten abladen und noch 200 Kubikmeter mit Gras und anderem Bewuchs dazu. Roslund knüpfte an den Waldboden große Hoffnungen. Denn seit dem Zweiten Weltkrieg haben sich immunologische Krankheiten wie Allergien, Asthma, Multiple Sklerose und Typ-1-Diabetes drastisch ausgeweitet. Allein beim Typ-1-Diabetes stieg die Zahl der betroffenen Kinder pro Jahrzehnt weltweit um drei bis vier Prozent.
Eine gängige Erklärung ist die sogenannte „Alte-Freunde-Hypothese“, die der Mikrobiologe Graham Rook vom University College London 2003 aus der älteren Hygienehypothese ableitete: Weil der Mensch seit der Industrialisierung immer weniger mit jenen natürlich vorkommenden Mikroben in Kontakt kommt, denen er seit Jahrtausenden ausgesetzt war – seinen „alten Freunden“ –, entwickelt er zunehmend Immunleiden aller Art.
Zeit mit Mikroben zu verbringen, scheint tatsächlich einen positiven Effekt zu haben. Jeden Tag spielten die Kinder in den finnischen Kitas bis zu zwei Stunden im Waldboden. Vier Wochen lang untersuchte Roslund ihr Immunsystem und analysierte das Mikrobiom auf ihrer Haut und in ihrem Darm. Sie verglich es mit dem von Drei- bis Fünfjährigen einer städtischen Einrichtung ohne Grün sowie von Kitas mit natürlichen Außenanlagen – jedoch ohne Waldboden. Insgesamt nahmen 75 Kinder teil.
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Tatsächlich hinterließ der Waldboden Spuren im Blut. Die Mengen an Interleukin-7 und dem Wachstumsfaktor TGF-ß-1 nahmen zu. Beide Stoffe schützen vor Entzündungen und wirken Autoimmunerkrankungen wie Allergien und Asthma entgegen. Dazu passt, dass Kinder auf dem Land tendenziell seltener solche Krankheiten entwickeln als Stadtkinder. Und schon die inzwischen emeritierte Kinderallergologin Erika von Mutius beobachtete anhand ihrer umfassenden Daten, dass bestimmte Typen von Erde – abhängig von deren Zusammensetzung und Mikrobiom – Kinder vor solchen Erkrankungen schützen.
Sogar die Besiedlung der Haut und des Darms mit Bakterien entwickelte sich in der Waldboden-Gruppe positiv, berichtet Roslund. Vor allem gesundheitsfördernde Proteobakterien vermehrten sich. „Die Vielfalt des Umweltmikrobioms im Alltag von Kindern zu erhöhen, ist eine einfache Möglichkeit, um Autoimmunkrankheiten vorzubeugen, bei denen sich der Körper ja letztlich selbst zerstört“, so Roslund.
Es ist aber nicht einfach das Spielen im Dreck, das die Kinder schützt. Es ist auch nicht der sterile Sand im Buddelkasten. Sondern es ist der modrig riechende bewachsene Waldboden, der benötigt wird. In Finnland können nun 43 Kindertagesstätten die Forschungsergebnisse für sich nutzen. Sie haben insgesamt eine Million Euro erhalten, um ihre Spielareale und Grünflächen naturnäher zu gestalten. Inspiriert von Roslunds Experiment, geht es dabei in erster Linie um mehr Kontakt zu Pilzen, Bakterien und Viren. Das Gegenteil davon sind die typischen roten oder schwarzen Gummibeläge unter Spielgeräten. Sie beherbergen so wenige Mikrobenspezies, dass sogar trockener Felsen auf das Zigfache an Vielfalt kommt.
Nützliche Bakterien aus dem Boden
Es ist aber nicht nur die Erde an sich, die Vielfalt mit sich bringt, weiß Roslund inzwischen. Ganz entscheidend ist das Totholz, beschreibt sie 2024 in einer Vorabveröffentlichung. In der abgestorbenen Biomasse explodiert die mikrobielle Artenvielfalt regelrecht. Roslund ließ 21 städtische Hinterhöfe in Helsinki verwildern, indem sie abgestorbene Äste und Pflanzen aus der freien Natur dort ablegte. Und wieder konnte sie eine Zunahme der nützlichen Proteobakterien im Speichel und auf der Haut bei Anwohnern im Umkreis von 200 Metern feststellen. Dafür müssen die Leute nicht einmal selbst gärtnern. Die Mikroben aus dem Boden werden permanent ohne menschliches Zutun in die Luft gewirbelt und gelangen über die Haut und Atemwege in den menschlichen Organismus.
Die Zusammensetzung des Mikroben-Zoos im Boden hängt stark von den Pflanzenspezies ab, die darin gedeihen. Die Pflanzen selbst bringen jeweils eine andere Besiedlung mit, und zwar über ihren Samen. „So wie wir von Geburt an ein Inokulum – eine Mikroflora – von der Mutter in uns tragen, so ist es auch bei Pflanzensamen“, erklärt die Umweltbiotechnologin Gabriele Berg von der Technischen Universität Graz.
Vielfältiger Bewuchs sorgt deshalb für ein vielfältiges Mikrobiom im Boden. Ein guter Grund für Roslund, auch ihren eigenen Garten guten Gewissens verwildern zu lassen: „Ich habe ganz viele verschiedene Sträucher und Pflanzen. Mein Rasen ist eher eine wilde bunte Wiese, die ich mittelhoch stehen lasse. Das Laub, das Totholz, alles bleibt im Garten.“ Und wenn sie keine Wunden an den Händen hat, trägt sie bei der Gartenarbeit auch keine Handschuhe, erzählt sie. Dennoch birgt Erdarbeit auch Risiken, weshalb Schwangere nicht mit bloßen Händen darin wühlen sollten, räumt die Umweltforscherin ein. Denn zwischen den humushaltigen Krümeln kann beispielsweise der Parasit Toxoplasma gondii stecken. Die zugehörige Krankheit, die Toxoplasmose, ist lebensbedrohlich für das Kind.
Zwar essen Menschen in einigen Regionen Afrikas spezielle Erden, insbesondere in der Schwangerschaft. Doch zum einen handelt es sich dabei um gebrannte spezielle Lehmvarianten, und zum anderen sind die genauen Hintergründe der überlieferten Praxis, die sich Geophagie nennt, bis heute nicht genau geklärt. Forscher vermuten, der Boden könne die Frauen mit Eisen und Jod versorgen, aber auch Giftstoffe binden, wie das auch von hierzulande erhältlichen Heilerden bekannt ist. Denn Tonminerale können größere Moleküle, darunter auch Toxine, in ihre Schichten einlagern – eine Fähigkeit, die gut wissenschaftlich beschrieben ist.
Gefährlich werde Erde in der Regel dann, wenn sie mit menschlichen und tierischen Krankheitserregern durchseucht ist, sagt Roslund, und wenn Pestizide und Düngemittel über Hände, Haut und Atemwege in den menschlichen Körper eindringen.
Immer mehr Obst und Gemüse sprießt inzwischen allerdings ganz ohne Erde, dafür in einer hydroponischen Nährlösung. Tomaten, Erdbeeren, Paprika, Gurken und vor allem Salate gedeihen vorzugsweise so in Gewächshäusern. Sie kommen erst gar nicht mit Krankheitserregern aus der Erde in Kontakt und müssen weniger aufwendig gewaschen werden. „Das funktioniert die ersten Jahre gut, aber wenn sich dann in diesen Indoor-Aufzuchtanlagen Krankheitserreger ausbreiten, müssen sie mit sehr harschen Chemikalien behandelt werden“, sagt Gabriele Berg. „Letztlich ist das ein Krankenhaus für Obst und Gemüse. Und wir wissen ja, dass Spitäler und Pflegeeinrichtungen regelrechte Brutstätten für multiresistente Keime sind.“
Wenn die Erde fehlt, fehle das Umweltmikrobiom, und dann könnten gefährliche Keime erst die Oberhand gewinnen, so ihre Argumentation. In diese Richtung deuten ebenfalls die neuesten, überraschenden Befunde einer groß angelegten finnischen Studie, veröffentlicht im Juli 2025 in Nature Communications. Sie umfasst die Daten von mehr als 7.000 Personen über einen Zeitraum von 14 Jahren. „So umfangreiche Daten können wir nicht einfach vom Tisch wischen“, sagt Berg, „obwohl wir mit der Interpretation vorsichtig sein müssen.“ Die Finnen bemerkten nämlich, dass jene Personen am meisten antibiotikaresistente Erreger im Darm haben, die viel Geflügel, aber auch reichlich frischen Salat oder rohes Gemüse verzehren. Oft handelte es sich um Städterinnen der oberen Einkommensklassen – eine Gruppe, die sich eigentlich besonders gesund ernährt. Doch jene, die viel Huhn sowie rohes Gemüse und Salat aßen, hatten über 17 Jahre hinweg ein höheres Sterberisiko und vor allem eine erhöhte Gefahr für eine Blutvergiftung.
„Wir dürfen aus der Studie nicht den Schluss ziehen, dass Salat und Rohkost per se ungesund sind“, quittiert Berg. „Aber ich würde zur Vorsicht bei vorgewaschenen, portionierten und hydroponisch gezogenen Salaten und Gemüse raten – dort müssen wir dringend genauer hinschauen.“ Auch andere Studien hatten bereits gezeigt, dass vorgewaschene und portionierte Salate, die üblicherweise erdfrei gezogen werden, höher mit multiresistenten Keimen belastet sind. Eine Rolle spielt dabei nicht nur der fehlende Erdkontakt, sondern offenbar auch das Bewässerungswasser. Im trockenen Mittelmeerraum ist das Gießen mit gereinigten Abwässern keine Seltenheit.
Effekte des Gärtnerns auf die Psyche
Die Gesunderhaltung durch den Kontakt mit guter Erde geht aber weit über den Genuss von gesundem Gemüse hinaus. Das Gärtnern etwa sei mindestens so förderlich wie Sport, fanden japanische Forscher heraus. Sowohl betagte als auch junge Menschen in Krankenhäusern würden vom Arbeiten mit der Erde gesundheitlich und geistig sogar mehr profitieren als vom Ergometertraining. 40 Minuten lang ließen sie die Probanden eine exakt festgelegte Reihenfolge an Aktivitäten ausführen: eine Hacke schwingen, Erde schaufeln und die Masse hin- und herschieben, Furchen ziehen und schließlich eine Plastikblume pflanzen. In kognitiven Tests schnitten die Teilnehmer danach besser ab als die Gruppe der Sportler, die am Gerät das Radfahren simulierte. Im Blut der Gärtner zirkulierte mehr Stickoxid, und die Konzentration des Wachstumsmarkers BDNF (Brain-derived neurotrophic factor) war höher. Beides schützt vor geistigem Abbau.
Mit der Erde in Kontakt zu sein, bedeutet meist auch frische Luft, Bewegung und Tageslicht. Das Grün puffert zudem Stress ab, indem es die Aufmerksamkeit auf beruhigende positive Reize wie das Rauschen der Bäume oder das Vogelgezwitscher lenkt. Deshalb lassen sich die Effekte des Bodens nicht auf einen Faktor beschränken. Er wirkt multifaktoriell, vor allem auf die Psyche.
Daraus hat sich sogar eine eigene Therapie entwickelt, die Hortikulturtherapie. Sie erfreut sich wachsender Popularität in psychosomatischen und psychiatrischen Kliniken. Gary Altman, Psychiater an der staatlichen Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey hat sich darauf spezialisiert. „Ich behandle vor allem Personen mit schweren psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression oder bipolaren Störungen.“ Die Patienten pflanzen gemeinsam, säen, gießen und schneiden Hecken. „Die Natur ist ein natürliches Labor und Lernfeld. Hier können sie an etwas arbeiten, was sie dann auch im Alltag verbessern können“, erklärt Altman. So würden etwa Patienten, die schnell aufgeben, wenn etwas nicht glattläuft, auch im Garten damit konfrontiert, dass eine Pflanze mal die Blätter hängen lässt, krank wird oder Samen nicht aufgehen.
„Bei vielen anderen Behandlungen für psychisch kranke Menschen haben wir eine hohe Abbrecherquote. Aber nicht bei der Hortikulturtherapie“, sagt Altman. Das Gärtnern hebe den Studienergebnissen zufolge immer die Stimmung und Lebensqualität – auch bei Personen, die noch nie zuvor damit in Berührung kamen.
„Wer lebt zu unseren Füßen?“: Biodiversität im Boden sorgt für ein funktionierendes Ökosystem. Regenwürmer, Bakterien und Pilze spielen dabei eine bedeutende Rolle – auch für das menschliche Leben.
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Er selbst unterhält einen kleinen Gemüsegarten und zieht tropische Zimmerpflanzen. Wer keinen Garten hat, könne sich die Erde und das Grün einfach nach Hause holen, rät er. Küchenkräuter oder eine Zimmerpflanze seien ein guter Anfang. „Schaut eure Pflanzen an, dann wisst ihr, wie es euch geht“, sagt er. „Wenn wir nicht gestresst sind, sind wir achtsamer. Wir tasten den Boden ab, um zu prüfen, ob wir gießen müssen. Dann geht es uns und unseren Pflanzen gut.“ ■
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